Hintergründe für die Migration sowjetischer Künstler der 20er Jahre nach Berlin

Nach der Oktoberrevolution im Jahr 1917 emigrierten viele Russen nach Westen. So lebten in Berlin in den zwanziger Jahren ca. 400.000[1] russische Emigranten, darunter auch bedeutende, weltberühmte sowjetische Künstler wie Alexej Remisov, Alexej Tolstoi, Ilja Ehrenburg, Maxim Gorki, Andrej Bely, Viktor Schklowski, Sergej Jessenin, Marina Zwetajewa, Wladislaw Chodassewitsch, Boris Pasternak, Wladimir Majakowski, Vladimir Nabokov und weitere.

Es gab insgesamt viele Gründe für die russischen Aussiedler um nach Deutschland zu reisen. Eine der wichtigen Ursachen der Flucht für viele Menschen, insbesondere für Künstler, war eine schwierige politische Situation, die in Russland nach der Oktoberrevolution entstand. Menschen wurden politisch verfolgt, da sie die Revolution und daraus entstandene Reformen nicht akzeptieren wollten.

Die Zahl der russischen Migranten war gerade in der deutschen Hauptstadt so groß, dass es zu einer rasanten Entwicklung des vielfältigen russischen Alltag- und Kulturlebens führte. In Berlin entstanden zahlreiche Restaurants und unterschiedliche Orte für die Treffen derrussischen Migranten, wo insbesondere die Versammlungen der Vertreter der russischen Intelligenz stattfanden. Bemerkenswert ist auch die rasche Entwicklung des Verlagswesens und der Presse gewesen. Das ist insbesondere auf das im Vergleich zu Russland günstigere finanzielle Umfeld in Deutschland zurückzuführen[2].

Der finanzielle Aspekt kann damit als ein Grund der Migration aus der Sowjetunion nach Berlin betrachtet werden. In Deutschland verursachte die Inflation vor allem für die Besitzer von Valuta und Wertgegenständen niedrigere Kosten fürs Leben und die Produktion als in Russland[3]. Durch Hin- und Rücktausch der wertvollen Gegenstände und des Geldes konnten die Menschen einen vielfachen Gewinn erzielen. Allerdings wollten nicht alle Aussiedler diese Gelegenheit ausnutzen: Andrej Bely regte sich über die Migranten auf, die „(…) vor den Wechselstuben Schlange standen, dank ihrer Finanzmanipulationen besser lebten als die meisten Deutschen und in Berlin großspurig auftraten“[4]. Auch Majakowski fand dieses Verhalten seiner Landsleute nicht in Ordnung und äußerte sich diesbezüglich in der Moskauer Presse.

Berlin war damals weltweit das größte Zentrum der russischen Migration[5]. Noch ein beliebtes Ziel für die Migranten aus dem Osten war Paris, wo sich auch sehr viele Vertreter der russischen Intelligenz aufhielten. Für einige war Berlin ein Zwischenstopp auf dem Weg in die anderen westlichen Städte. Zu den Künstlern, die aus Berlin nach Paris gezogen sind, gehörte z.B. Sergej Jessenin, der allerdings nach drei Monaten wieder in die Sowjetunion zurückkehrte. Insgesamt hielte sich Jessenin zwei Mal in Berlin auf: von Mai bis Juni 1922 und von Februar bis April 1923. Es gab unter den Migranten auch Personen, die in Berlin aus unterschiedlichen Gründen nach ihrer Ruhe suchten und sich erholen wollten. In diesem Zusammenhang kann der bedeutende russische Lyriker Wladislaw Chodassewitsch erwähnt werden. Chodassewitsch lebte in Berlin von Juni 1922 bis November 1923 und empfand die deutsche Hauptstadt als eine Zwischenstation, wo er „(…) sich erholen [und] Kräfte sammeln wollte für das neue Leben in Russland“[6]. Er zog später nach Italien und lebte danach bis zu seinem Tode in Paris.

Die Entfernung von der Heimat mit einer direkten Bahn- oder Schiffsverbindung spielte ebenfalls eine gewisse Rolle bei der Entscheidung bezüglich des Migrationsziels für einige Aussiedler[7]. Eine kürzere Entfernung oder eine günstige direkte Verkehrsverbindung war für diejenigen, die später beispielsweise auf Grund von Heimweh nach Russland zurückkehren wollten von Vorteil. Alexej Remisow gehörte zu denen, die sich in Berlin absolut unwohl gefühlt haben. Er und seine Frau lebten von August 1921 bis Dezember 1923 in der deutschen Hauptstadt, danach sind sie trotz der Sehnsucht nach der Heimat nach Paris gezogen, was vor allem auffinanzielle Schwierigkeiten zurückzuführen ist. Die finanziellen Sorgen bestanden dort fort. Fast am Ende seines Lebens hat Alexej Remisow eine sowjetische Bürgerschaft bekommen, allerdings kehrte er nie wieder in die Heimat zurück und starb später in Paris.

Nicht zuletzt sollte ein propagandistisches Ziel erwähnt werden. Mehrmals kam Majakowski zwischen Oktober 1922 und Februar 1929 nach Berlin, „(…) um für die Errungenschaften der Sowjetmacht zu werben und die Unruhe unter den Emigranten zu stiften“[8]. Majakowski, der als Dichter der Revolution bekannt ist, hat in seinem Leben unter anderem sehr viele Gedichte zu politischen Themen verfasst sowie Plakate und Broschüren gemalt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass trotz der unterschiedlichen Ziele und Gründe für den Aufenthalt in Berlin und trotz der differierenden Empfindungen der deutschen Hauptstadt von den russischen Künstlern in Berlin zahlreiche weltweit bekannte Werke entstanden sind. Zum Ende des Jahres 1923 haben viele Vertreter der russischen Intelligenz Berlin verlassen.


[1] Urban, Thomas (2003): Russische Schriftsteller im Berlin der zwanziger Jahre. Berlin: Nicolaische Verlagsbuchhandlung. S. 7.
[2] Urban, Thomas (2003): Russische Schriftsteller im Berlin der zwanziger Jahre. Berlin: Nicolaische Verlagsbuchhandlung. S. 17.
[3] http://www.wladarz.de/Vorwort/Inhalt/RUSSIS_1/russis_1.HTM
[4] Urban, Thomas (2003): Russische Schriftsteller im Berlin der zwanziger Jahre. Berlin: Nicolaische Verlagsbuchhandlung. S. 10.
[5] http://www.partner-inform.de/partner/detail/2007/4/238/2362/russkie-pisateli-v-berline
[6] Urban, Thomas (2003): Russische Schriftsteller im Berlin der zwanziger Jahre. Berlin: Nicolaische Verlagsbuchhandlung. S. 152.
[7] http://www.wladarz.de/Vorwort/Inhalt/RUSSIS_1/russis_1.HTM
[8] Urban, Thomas (2003): Russische Schriftsteller im Berlin der zwanziger Jahre. Berlin: Nicolaische Verlagsbuchhandlung. S. 9.

Quellen:

Tchernodarov, Andreij (Hrsg.)(2014): Das Russische Kulturleben in Berlin der 1920er Jahre: Begleitpublikation zur Ausstellung in der Botschaft der Russischen Föderation in Berlin. Berlin: Klak.

Urban, Thomas (2003): Russische Schriftsteller in Berlin der zwanziger Jahre. Berlin: Nicolaische Verlagsbuchhandlung.

Цфасман А.Б. (2008): «Русский Берлин» 1920-х годов: издательский бум. In: Вестник Челябинского государственного университета 34. S. 102-107.

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