(Spät-)Aussiedler in Berlin

Die Bundesrepublik Deutschland hat zwischen 1950 und 2010 etwa 4,5 Millionen Aussiedler aufgenommen. Die meisten kamen aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. 1953 wurde in der Zentralen Aufnahmestelle des Landes Berlin für Aussiedler (ZAB) in Marienfelde zum ersten Mal der Betrieb aufgenommen. Dort fanden die meisten Aussiedler Unterkunft, Verpflegung und Unterstützung in den ersten Wochen und Monaten in Berlin. Doch wer waren diese Menschen?[1]

(Spät-)Aussiedler sind Personen deutscher Herkunft, die in Ost- und Südosteuropa sowie der ehemaligen Sowjetunion unter den Folgen des zweiten Weltkrieges gelitten haben und aufgrund ihrer deutschen Volkszugehörigkeit massiv verfolgt und auch lange nach Kriegsende benachteiligt wurden.[2] Viele Menschen in Deutschland, und ein nicht zu unterschätzender Teil der Bevölkerung in Berlin, gehören zu den Russlanddeutschen. In den 1990 Jahren kamen viele Aussiedler (seit 1993 sogenannte Spätaussiedler) nach Deutschland. Diese Menschen werden fälschlicherweise für „Russen“ gehalten und einige zählen sich auch tatsächlich eher zur russischen Bevölkerung und nicht zur deutschen. Nur wissen die meisten nicht viel über die Geschichte der Russlanddeutschen. Selbst zu Zeiten der Sowjetunion wussten die Menschen nicht, woher die Russlanddeutschen überhaupt stammen. In Russland wurden sie oft als „Faschisten“ beschimpft, hier gelten sie als „Russen“. Doch wer sind diese Menschen und welches Schicksal ist ihnen widerfahren?

Der Ruf der Zarin

Russlanddeutsche Spätaussiedler sind eine ethnisch deutsche Minderheit, die seit dem 18. Jahrhundert in Russland leben. Viele Deutsche Bauern, Kaufleute und Geistliche folgten dem Ruf Katharinas der Großen, die 1763 ein Manifest erließ, in dem sie alle Ausländer einlud, sich innerhalb der Grenzen des riesigen Reiches niederzulassen. Überall in Nordund Mitteleuropa wurde diese Nachricht verbreitet. Vor allem aber in (dem heutigen) Deutschland, denn die Zarin war selbst deutscher Abstammung und lockte die Deutschen mit vielen Privilegien. So wurde den Menschen die Befreiung von Militär- und Zivildienst, eine befristete Steuerfreiheit, Selbstverwaltung, Reisegeld und vor allem Religionsfreiheit versprochen. Natürlich lag das Hauptinteresse Russlands darin, die siedlungsarmen Gebiete an der Wolga landwirtschaftlich zu kolonialisieren, so dass später auch die Privilegien für die neuen Siedler nach und nach abgeschafft wurden, oder erst gar nicht so umgesetzt wurden, wie versprochen. Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in Russland rund 500 deutsche Kolonien. Sämtliche regionale Dialekte der verlassenen Heimat fanden sich in diesen Kolonien wieder und bildeten so eine kulturelle und konfessionelle Vielfalt. Die unterschiedlichen Mundarten verrieten, dass die meisten Deutschen aus Hessen, Preußen, Sachsen, Württemberg oder der Pfalz stammten. Laut der ersten Volkszählung von 1897 waren Saratow und Samara die kompaktesten Siedlungsgebiete in denen 390.000 von den 1,7 Millionen Russlandeutschen lebten.[3]

„Russifizierung“ und Deportation

Das Zusammenleben der russischen Bevölkerung und den russlanddeutschen Siedlern war nicht immer harmonisch. So begann im Jahr 1871 eine schleichende „Russifizierung“ sämtlicher Lebensbereiche. Für die russlanddeutsche Bevölkerung bedeutete das die Auflösung sämtlicher Privilegien. Die 1874 eingeführte Wehrpflicht für Russlanddeutsche stellte eine der ersten Veränderungen für die deutsche Bevölkerung dar. Die Bemühungen des Zaren Alexander III., Russland zu einem homogenen Staat zu gestalten der alle sprachlichen, kulturellen und religiösen Unterschiede überwindet, hat gravierende Folgen nach sich gezogen. Im Jahr 1890 äußerte der Innenminister des Zaren, dass die deutsche Bevölkerung gefährlich sei, denn sie sei zu sehr mit ihrer früheren Heimat verbunden. Da sie nur von „Germania Kultur, Fortschritt und das Licht der geistigen Wahrheit“ erwarten, können diese Menschen nicht als Mitbürger betrachtet werden. Der einzige Weg die Deutschen mit Russland zu vereinen wäre demnach nur möglich, wenn der der Landkauf der Deutschen eingeschränkt werden würde, ihre innere Selbstverwaltung aufgelöst werden würde und die russische Sprache in den deutschen Schulen eingeführt werden würde.[2] Die Einführung der russischen Sprache als Pflichtfach an deutschen Schulen wurde 1891 obligatorisch. Während des ersten Weltkrieges gibt es einen tiefen Bruch in der Beziehung zwischen Russland und dem deutschen Reich. Zu dieser Zeit leben ca. 1, 7 Mio. Deutsche in Russland. Im Krieg dienen 300.000 Deutsche in der zaristischen Armee. Trotz allem haben die Russlanddeutschen fortwährend einen schweren Stand in Russland. 1928 – 1932 werden viele Menschen deutscher Abstammung zwangskollektiviert und nach Sibirien deportiert. In den folgenden Jahren verschärft sich die Situation, denn die russlanddeutsche Bevölkerung wird zum Volksfeind im zweiten Weltkrieg. Nach einem Erlass im Jahr 1941 wird die deutsche Bevölkerung pauschal der Kollaboration mit Deutschland, der Vorbereitung von Anschlägen beschuldigt und in die asiatischen Gebiete der Sowjetrepublik deportiert. In diesen Verbannungsgebieten werden die Deportierten in Sondersiedlungen untergebracht und durch sogenannte Kommandanten kontrolliert. Nach und nach werden immer mehr Russlanddeutsche in die „Trudarmee“ eingezogen. Die körperliche Schwerstarbeit beim Bau von Industrieanlagen, Bahnlinien, Straßen, Kanälen und Bergbau kosteten tausenden Menschen das Leben. Am Ende des zweiten Weltkrieges wurden 2,5 Mio. Menschen in den Sondersiedlungen des sowjetischen Geheimdienstes festgehalten. Ein Großteil waren Deutsche. Obwohl die Insassen ab 1956 die Orte der Sondersiedlungen verlassen durften, durften sie nicht in ihre ursprüngliche Heimat zurückkehren. Eine Entschädigung für das 1941 beschlagnahmte Eigentum erhielten sie nicht. Der Wunsch der Russlanddeutschen auszureisen wächst kontinuierlich und 1987 nimmt der Zustrom deutscher Aussiedler aus der UdSSR immer weiter zu.[4]

Die Rückkehr der Russlanddeutschen

„Aussiedler, seit 1993 Spätaussiedler, sind Angehörige deutscher Minderheiten, die vor dem Ende des 2. Weltkrieges ihren Wohnsitz jenseits der heutigen Ostgrenzen Deutschlands hatten und als Folge des Krieges diese Gebiete verlassen mussten oder aus diesen Gründen vertrieben wurden“ (§1 Bundesvertriebenengesetz).

Laut dem Artikel 116 des Grundgesetzes sind anerkannte Russlanddeutsche Deutsche und „deutsche Volkszugehörige“, die bei Einreise automatisch die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten. Auch den mitreisenden Ehepartnern und Abkömmlingen der Russlanddeutschen
wurde die Einreise, sowie die Einbürgerung erleichtert.

Die zentrale Aufnahmestelle Berlin – Marienfelde

Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde 
Stiftung Berliner Mauer 
Marienfelder Allee 66/80 
D - 12277 Berlin

Nach Einreise mussten zunächst alle Einwanderer, die Berlin zugeteilt wurden, in die zentrale Aufnahmestelle Berlin – Marienfelde. Die zentrale Aufnahmestelle des Landes Berlin für Aussiedler (ZAB) war von 1964–2010 Teil des Landesamts für Gesundheit und Soziales und unterstand der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales. Zuvor diente die zentrale Aufnahmestelle als Dienststelle für die Rehabilitierung der Opfer politischer Verfolgung in der DDR. Später wurde die ZAB zuständig für Aufnahme und Beratung der dem Land Berlin zugewiesenen Spätaussiedler. Zusätzlich wurde sie als Übergangswohnheim der Spätaussiedler genutzt. Durchschnittlich verweilten die Neuankömmlinge vier Monate dort, bevor sie in eine eigene Wohnung ziehen durften. Viele der dort ankommenden Menschen fanden im Stadtteil Berlin Marzahn ein neues Zuhause. Die Anzahl der Russlandeutschen, die der Bezirk Marzahn aufgenommen hat, lag bei circa 25.000. Die starke Flut der Menschen, die nach Deutschland einreisen wollten führte dazu, dass 1990 bereits vor der Einreise geprüft wurde, ob alle erforderlichen Voraussetzungen erfüllt waren. Mit einem Gesetz von 1993 musste ein Vertreibungsdruck glaubhaft gemacht werden. Diese Regelung betraf die Menschen aus den ehemaligen Sowjetstaaten allerdings nicht, dort wurde pauschal von einem „Kriegsfolgenschicksal“ ausgegangen. Seit 1996 müssen alle Einwanderer ausreichende Deutschkenntnisse nachweisen, was durch eine Prüfung festgestellt wird. Von 1950 bis Mitte der 1980er Jahre kamen rund 1,5 Millionen Aussiedler in die Bundesrepublik. Gegen Ende der 1980er Jahre wurde ein starker Anstieg der Zuzugszahlen registriert, 1993 wurden nicht mehr als 220. 000 Einwanderer zugelassen und im Jahr 2000 wurde auch diese Zahl halbiert. Seitdem ging die Einwanderung von Spätaussiedlern stetig zurück und 2006 kamen weniger als 8.000 Menschen nach Deutschland. Da auch in Berlin immer weniger Menschen ankamen wurde die zentrale Aufnahmestelle für Aussiedler in Marienfelde 2010 geschlossen. Insgesamt wurden dort von 1962 bis 2010 circa 96.000 Aussiedler aufgenommen. Seit Dezember 2010 dient das Aufnahmelager wieder als Übergangswohnheim für Flüchtlinge und AsylbewerberInnen.[5]


[1] Skrabania, D. (2011): Die Zentrale Aufnahmestelle für Aussiedler in Berlin-Marienfelde:
14. April  1953 bis 31. Juli 2010. Berlin: Landesamt für Gesundheit und Soziales.
[2] Worbs, S., Bund, E., & Kohls, M. (2013): (Spät-)Aussiedler in Deutschland. Eine Analyse aktueller Daten und Forschungsergebnisse. Nürnberg: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.
[3] Dalos, Gy. (2014): Geschichte der Russlanddeutschen, Von Katharina der Großen bis zur
Gegenwart. München: C.H. Beck.
[4] Kompetenzzentrum für Integration/ KfI
www.lum.nrw.de/zuwanderung/Aufnahmeverfahren_Spaetaussiedler/Geschichte_Russland
deutsche/index.php (letzter Zugriff 24.01.2016)
[5] http://www.notaufnahmelager-berlin.de/de/zab-741.html (letzter Zugriff 02.01.2016)

Text: Lina Pachmann

Weitere Informationen:

http://www.notaufnahmelager-berlin.de

Posted in Allgemein, Migration über Jahrhunderte and tagged , .

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.