Böhmisch Rixdorf in Berlin-Neukölln

Text & Fotos von Katja Müller

Kaum vorstellbar, aber unweit der Karl-Marx-Straße, in der sich viele internationale Geschäfte befinden – von arabischen Imbissen bis hin zu indischen Supermärkten – liegt auch ein ganz anderer international geprägter Ort: das Böhmische Dorf. Es scheint fast schon wie eine Oase der Ruhe im lebhaften Neukölln und weist auch heute noch viele Spuren seiner Geschichte auf.

In den Jahre 1730-er Jahren siedelten sich böhmische Protestant*innen in Rixdorf, dem heutigen Berlin-Neukölln, dessen Kern auch als „böhmisches Dorf“ bekannt ist, an. Ihre Flucht nach Preußen war die Folge ihrer Niederlage am Weißen Berg und der darauffolgenden Vertreibung bzw. Rekatholisierung der Hussit*innen. Die Gemeinde aus dem Gebiet der heutigen Tschechischen Republik hatte nach der Ankunft in Berlin zunächst mit einigen Startschwierigkeiten zu kämpfen. Es herrschte Not und Armut. Der preußische König Friedrich Wilhelm I. erkannte aber früh das Potential der Neuankömmlinge und begann, die Gemeinde zu unterstützen. 1737, als die neuen Dorfbewohner*innen aus der Friedrichstadt und anderen Orten das Dorf bezogen, erhielten sie Gehöfte, Häuser und Äcker. Der König genoss bei den Böhmen hohes Ansehen. In Rixdorf steht bis heute das einzige Denkmal von Friedrich Wilhelm I. in Berlin.

Die ersten Generationen von Böhmen in Berlin erhielten zunächst eine sprachliche Sonderstellung aufrecht. Sie boten sowohl Unterricht als auch Bibeln zweisprachig an und sprachen untereinander oft Tschechisch. Viele von ihnen sprachen aber auch Deutsch. Im 19. Jahrhundert verloren sie ihre sprachliche Sonderstellung zunehmend. Tschechisch wurde unter Nachbarn bis etwa 1830 gesprochen. 1925 starb der letzte monolinguale Nachkomme der Exulanten.

Bei der böhmischen Gemeinde hatte Bildung im Vergleich zur damaligen deutschen Bevölkerung einen relativ hohen Stellenwert. Viele Mädchen lernten zumindest lesen, Jungen lesen und schreiben. Gegen das Ende des 18. Jahrhunderts kamen auch deutsche Schüler*innen an die böhmischen Schulen in Rixdorf, da die öffentlichen Schulen überfüllt waren. Durch das Schulgeld der deutschsprachigen Kinder konnte die finanzielle Lage der Schulen verbessert werden. Dadurch intensivierte sich aber auch der Sprachkontakt und Deutsch wurde bald zur dominanten Sprache.

Die Berliner Exulant*innen hinterließen zahlreiche Handschriften, die uns heute Aufschlüsse über die damalige Zeit, Sprache und den Sprachkontakt zwischen Tschechisch und Deutsch geben können. Sie dokumentieren das Leben der Berliner Böhmen und lassen schlussendlich die Geschichte auch ein wenig lebendiger erscheinen.  Unter den Handschriften befinden sich vor allem Lebensläufe, aber auch Predigten und Gedichte. Das Besondere an diesen Handschriften ist, dass im 18. und 19. Jahrhundert normalerweise nur Schriften über wichtige Persönlichkeiten erstellt wurden, nicht aber über einfache Menschen. Die Rixdorfer Lebensläufe bieten uns einen detaillierten Einblick in das das Leben der Gemeinde. Derzeit erforscht das Slawistik Institut der Humboldt-Universität in Kooperation mit dem Fraunhofer IPK die Schriften im Hinblick auf deren Verfasser*innen. Finanziert wird das Projekt noch bis März 2020 von der VolkswagenStiftung.

Die Nachkommen der Exulanten leben teilweise noch immer in Berlin. Auch ihre Spuren sind noch deutlich zu sehen, wenn man weiß, wo man suchen muss. In Rixdorf findet bis heute (mit einer Unterbrechung während der NS-Zeit) das deutsch-tschechische Fest „Poprácí“ statt, dessen Ursprung Mitte des 18. Jahrhunderts auf erste Annäherungen zwischen der einheimischen Bevölkerung und den böhmischen Migrant*innen zurückgeht. Des Weiteren bestehen die Kirchengemeinden der Siedlung aus der Evangelisch-Reformierten Bethlehemsgemeinde, der exangelisch-Lutherischen und der Evangelische (Herrnhuter) Brüdergemein(d)e. Die Aufteilung gibt es seit dem 18. Jahrhundert bis heute. Der Rixdorfer Comeniusgarten knüpft an die Werte und Ideen von Jan Amos Comenius an. Ein Museum informiert über die Böhmen und zeigt ihre Hinterlassenschaften. Straßennamen wie „Böhmische Straße“, „Jan-Hus-Weg“ oder „Malá Ulička“ erinnern ebenfalls an die geflohenen Protestant*innen. Auch tschechische Inschriften auf Grabsteinen lassen sich in einer Großzahl auf dem Friedhof – dem „Böhmischen Gottesacker“ – finden. Bis heute befindet er sich unweit der Karl-Marx-Straße zwischen dem S-Bahnhof Neukölln und dem U-Bahnhof Karl-Marx-Straße. Es ist der zweitälteste genutzte Friedhof in Berlin. Zur Weihnachtszeit wird in Rixdorf das Lied „Čas radostí“ in der Originalsprache gesungen, selbst wenn die Sänger*innen den Text zumeist nicht mehr so genau verstehen.

Dennoch: das böhmische Dorf ist heute ein wichtiges Zentrum der Comenius-Pflege und übt eine wichtige Mission für die Verständigung und Versöhnung zwischen der Tschechischen Republik und Deutschland aus.

________________________________________________________________________
Quellen:
Sterik, E.: Die Böhmischen Exulanten in Berlin, Herrnhuter Verlag, 2016
Tikhonov, A.: Schulen und Lehrer in der Frühzeit der tschechischen Exulantengemeinde. In: Fritsch, A. et al.: Comenius-Jahrbuch, Baden-Baden 2018
Tikhonov, A. (in preparation): Orthographie. In: Tikhonov, A.: Autorenzuordnung und linguistische Merkmale der Rixdorfer Handschrift, 2020
https://www.radio.cz/de/rubrik/tagesecho/boehmisch-rixdorf-eine-tschechische-insel-in-berlin (Aufgerufen 08.05.2019, 12:00)
https://www.geo.de/geolino/redewendungen/5199-rtkl-fuer-mich-sind-das-boehmische-doerfer (Aufgerufen 08.05.2019, 12:00)
http://www.museumimboehmischendorf.de/ (Aufgerufen 08.05.2019 12:00)

Posted in Berlin heute, Migration über Jahrhunderte and tagged , .

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.