Russische Musiker und Künstler in Berlin

Berlin ist eine große  Kulturhauptstadt, die viele Möglichkeiten und viel Erfolg verspricht und somit viele Erwartungen hervorruft. Schon seit mehreren Jahrhunderten kommen russische Künstler, ob von Berufs wegen oder auch die Seele baumeln zu lassen, nach Berlin und lassen sich hier inspirieren.

In Berlin verbrachte 1833 der berühmte russischer Komponist Michail Iwanowitsch Glinka (1804- 1857) die Zeit im Unterricht bei Siegfried Wilhelm Dehn (1799- 1858), zu dem er 1856 wieder zurückkehrte. Glinka  wohnte in einem Haus in der Französischen Straße und starb in Berlin. Seinen Name trägt eine Straße in Berliner Mitte. In der Glinkastraße kann man auch das Relief mit Porträt von dem Komponisten finden.[1]

Viele Jahre später konzertierten  unter anderen die Komponisten Alexander Siloti (1863-1945), sein Lehrling  Sergei Rachmaninow (1873-1843) und Igor Strawinsky  (1882-1971) in Berlin.

Eine sowjetische Regisseurin und Bildhauerin Lilja Brik (1891-1978) hielt sich mit Ihrem Ehemann Ossip Brik und auch mit ihrem Geliebten Wladimir Majakowskij oft in Berlin auf.[2] Lilja Brik war nicht nur eine der zentralen Figuren der russischen Avantgarde, sondern war bekannt durch ihr Portrait auf dem Poster  vom russischen  Maler, Grafiker, Fotograf und Architekt Alexander Michailowitsch Rodtschenko. „LENGIZ. Bücher zu allen Wissensbereichen“ ist nicht nur in Sowjetunion bekannt.

Und wer weiß, dass das 1970 eröffnete Kino „Arsenal“ nach dem  gleichnamigen Film vom ukrainischen Regisseur und Schriftsteller, Alexander Petrowitsch Dowschenko (1894- 1956) benannt wurde?  Zu Begin der Zwanziger Jahre war Dowschenko in Berlin im diplomatischen Dienst tätig. Nach der Arbeit besuchte  er das Studio „Künstler-Hilfe“ in Wedding, studierte bei dem expressionistischen Maler Erich Heckel Bildende Kunst, verbrachte viel Zeit vor der Staffelei. Nach der Rückkehr wandte er sich der Karikatur bis er seine Vorliebe für die damals neue Kunst der Kinematographie entdeckte und  seine  Bilder im Kopf in Bewegung brachte.[3]

Die russischen Künstler sind seit langer Zeit in Berlin sehr beliebt. Premieren der Kunststücke fanden in den Zwanzigern in Berlin oft  fast parallel mit der Erscheinung in Russland statt. Hier fand z.B. am 2. Juli 1929 die deutsche Premiere vom Dsiga Wertows Der Mann mit der Kamera. Regisseur, Filmregisseur Dsiga Wertow (1896 - 1954) war der größte Avantgardist des sowjetischen Films, der Erfinder einer "hundertprozentigen Sprache des Kinos".[4] Hier in Berlin hat er viele Vorträge unter anderem  zu dem Tonfilm gehalten.[5]

Auch in unserer Zeit löst jede Woche eine Vielzahl von Plakaten, die über aktuelle Veranstaltungen informieren eine andere Vielzahl ab. Oft klingen die Namen der Künstler sehr russisch bzw. slawisch, oft auch nicht.

Nach dem Wechsel des Plakats verschwinden die Namen und die Veranstaltungen und es ist schwierig, die verpassten Veranstaltungen, Infos über die Bands oder Künstler im Netz zu finden.

Obwohl heutzutage das Internet viele Möglichkeiten bietet, gibt es kaum eine einheitlich strukturierte Seite, wo man die Künstler nach den Bereichen, Kunstarten, Kunstrichtungen, Sprachen ohne große Bemühungen  finden kann. Es gibt Seiten, die über die aktuellen Veranstaltungen besonders mit  Künstlern aus dem russischsprachigen Raum informieren, jedoch sind diese Seiten nicht so leicht zu finden oder auch die Internet Adressen zu merken. Solche Seiten sind z.B. folgende:

http://berlin24.ru/

http://007-berlin.de/

http://www.kulturportal-russland.de/veranstaltungen.jsp?find=state&bid=3

http://www.berlin.de/kultur-und-tickets/tipps/multikulti/russisches-berlin/

http://www.radio-rb.de/kulturtipps/

http://www.berlin-russisch.de/

Die Gruppen oder Künstler kann man mehr oder weniger erfolgreich über die Suchmaschinen finden, wenn man sich den Namen richtig gemerkt hat. Jedoch sind die Künstler so kreativ, dass es oft auch das nicht leicht fällt.

[1] Vgl. Dahlmann, Dittmar /Potthoff, Wilfried (Hrsg.): Deutschland und Russland. Aspekte kultureller und wissenschaftlicher Beziehungen im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Harrassowitz Verlag, 1. Auflage 11.2004, S.192-193

[2] Vgl. Катанян, Василий: Лиля Брик. Жизнь. 2010 in http://royallib.com/read/katanyan_vasiliy/lilya_brik_gizn.html#40960. Letzter Abruf: 09.03.2016

[3] Громыко, Андрей: Памятное. Испытание временем. Книга 2 in http://readli.net/chitat-online/?b=389563&pg=1. Letzter Abruf: 09.03.2016

[4] Vgl. DER SPIEGEL 24/1970  in http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45439740.html. Letzter Abruf: 09.03.2016

[5] http://coollib.com/b/240513/read. Letzter Abruf: 09.03.2016

Text: Swetlana Scheyermann

Bildnachweis:

Abbildung 1: Quelle: http://www.gedenktafeln-in-berlin.de/nc/gedenktafeln/gedenktafel-anzeige/tid/michail-iwanowitsch-1/

Abbildung 2: A Rodtschenko ( Mit Fotoportret von L.Brik), "LENGIZ. Bücher zu allen Wissensbereichen", 1925.

Abbildung 3: Gedenktafel am Haus Bismarckstraße 69 in Berlin-Charlottenburg, Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Oleksandr_Dowschenko

Abbildung 4: Quelle: https://absolutmedien.de/bilddatenbank/bilder/858/pict9.jpg

Vera Lourié

Emigriert im Alter von 20 Jahren, in der Berliner Bohème mitgemischt, lange vergessen, als Zeitzeugin wiederentdeckt. Das ist Vera Lourié. Hinter dieser Frau steckt mehr.

Mit jüdischen Vorfahren ist sie 1901 in Sankt Petersburg geboren. Dort durchlebte Vera Lourié eine behütete Kindheit. Nach dem durch eine Erkältung bedingten Tod des 1 jährigen Bruders, wird der Vater aufmerksamer denn je. Vera wird untersagt zur Schule zu gehen, da die Ansteckungsgefahr zu groß sei. Sie wird bis zur dritten Klasse zu Hause unterrichtet, was ihr als eine starke Einengung in Erinnerung bleibt. Ab der dritten Klasse besteht nun auch die Mutter darauf, dass die Schule eine wichtige Instanz ist, woraufhin der Vater Akzeptanz zeigt. Das Verhältnis zu den Eltern war immer gut.

Fast jeden Sommer verbrachte Lourié mit ihrer Mutter im Ausland. Sie selbst hat sich im Nachhinein über diese Art des Urlaubs beschwert. Sie kenne wohl weder die Krim noch den Kaukasus. Der Kurort Kreuznach am Rhein war das beliebteste Ziel, aber auch die befreundete Familie Finkelstein in der Schweiz wurde stets besucht. Letztere besuchten sie 1914 als der 1. Weltkrieg ausbrach. Über Deutschland konnten sie nun nicht mehr zurück, woraufhin sie sich der Familie Finkelstein anschlossen und über Mailand, quer durch Italien nach Brindisi, mit dem Schiff nach Saloniki in Griechenland, durch Serbien und Sofia in Bulgarien nach Bukarest und dann in die Heimatstadt zurückkamen.

1920 beendete Lourié das Gymnasium, woraufhin sie das Pädagogische Institut besuchte. Dies jedoch konnte ihr keinen Spaß bereiten, weswegen sie schnell das Haus der Künste aufsuchte, welche unter anderem Seminare zur Schriftstellerei und Theater anboten. Des Weiteren fanden Kammerkonzerte, Tanzabende und literarische Vorträge statt. Lourié belegte zwei Seminare, unter anderem bei Nikolaj Jewrejnow, der Vorträge über Dramaturgie und Theaterthemen abhielt, und bei Nikolaj Gumiljow, welcher „Die Kunst des Dichtens“ behandelte. Man wird auch im weiteren Verlauf ihres Lebens sehen, dass diese Themen ihren Werdegang bestimmten.
Der Bürgerkrieg war in vollem Gange. Der Vater, der als Arzt ein gutes Jobangebot und besondere Lebensmittelkarten bekam, die zu damaligen Zeiten fast unbezahlbar waren, konnte von seinem Vorhaben die Sowjet Union zu verlassen nicht abgehalten werden. Für Lourié endete eine Etappe.

Durch Passfälscher aus dem Gefängnis erhielt die Familie lettische Pässe, woraufhin sie im Herbst 1921 Petrograd verließen. Die Reise war geprägt durch eine einwöchige Fahrt im Viehwagenzug mit harten Bänken. Die Eltern, samt Lourié, der 7 jährigen Schwester und dem 3 jährigen Bruder verlief über Lettland, wo sie für 10 Tage in Quarantäne verbleiben mussten, nach Riga. Hier kamen sie für einen Monat bei einem Bekannten ihres Großvaters unter. In diesen vier Wochen langweilte sich Lourié sehr und schrieb selbst: „Riga war eine sehr ruhige, sehr saubere, gemütliche, aber entsetzlich langweilige Stadt. Ich wollte nach Berlin, dorthin, wo sich ein großer Teil der russischen Intelligenz befand“. So kam es dann, dass sie nach vier Wochen nach Berlin fuhren und „ein neuer Lebensabschnitt begann […], die Etappe der literarischen Tätigkeit im Berlin der zwanziger Jahre“.

In Berlin angekommen suchte sie bald das Café Landgraf auf, in welchem sie „einen Vortrag über die Petrograder Dichter-Innung“ hielt. Außerdem berichtete sie von der Arbeit und den Werken der russischen Dichter in Petrograd und beendete ihren Vortrag mit eigenen Gedichten. Woraufhin der berühmte russische Dichter Andrej Belyi auf sie zukam und ihre Gedichte publizieren wollte. Dieser arbeitete damals als Redakteur bei der literarischen Zeitschrift „Epopeja“. Lourié verbrachte viel Zeit mit Belyi und besuchte ihn sogar im Süden von Berlin in Zossen oder auch in Swinemünde.

Lourié gehörte der Poetengruppe „Tönende Muschel“ an. Diese trafen sich regelmäßig zu literarischen Abenden in verschiedenen Cafés. Jedoch wurde sie als Dichterin bei ihren Landsleuten nicht anerkannt, sodass es ihr erst im hohen Alter gelang einen Verleger zu finden.

Lourié unterhielt auch einige Affären zu literarischen Größen und unter anderem dem russischen Rechtsanwalt Posnjakow. In einem russisch-jüdischen Club lernte sie den circa fünfzig jährigen Posnjakow kennen. Silvester feierten sie in der Pension Prager Platz. „Ein Tisch war bestellt worden, dort saß Prof. Posnjakow und erwartete uns. Man trank Champagner, man plauderte, man tanzte“. Wenige Tage später ließ er ihr mitteilen, dass sie ihm gut gefalle und lud Lourié zu sich und seiner Ehefrau zum Abendessen ein. Posnjakow begleitete Lourié nach Hause, küsste sie das erste Mal. „Das war der Anfang!“ Er lud sie zum Essen im KaDeWe ein, sie fuhren mit dem Taxi über die Potsdamer Straße, er wollte in ein Hotel, sie verneinte noch. „Daraufhin wurde ich für ihn Geliebte und Sekretärin“.

Posnjakow hat sich unter anderem auch mit der Passfälschung beschäftigt, weswegen er durch einige Intrigen von der Gestapo verhaftet wurde. Lourié wurde beauftragt noch einige Sachen aus seiner Wohnung zu besorgen und „schon in der Diele wurde ich von zwei Gestapomännern in Empfang genommen. Das Dienstmädchen erwies sich als eine Agentin der Geheimen Staatspolizei“. Lourié wurde einem Verhör unterzogen und im Anschluss in einem Privatwagen zum Alexanderplatz gebracht, da es im Gefängnis der Geheimen Staatspolizei keine Zellen für Frauen gab. „Ich hatte 'Glück', dass jeden Morgen ein Gestapomann kam, um mich in dem riesigen Gefängniswagen zur Prinz-Albrecht-Straße zu bringen“. Dort musste sie Dokumente von Posnjakow ins Deutsche übersetzen. Sie bekam dort glücklicherweise auch bessere Nahrung.

Louriés Leben war von Umbrüche und Ereignissen geprägt. Sie lebte seit 1933 bis an ihr Lebensende in der Westfälischen Straße 33. Dieser Bericht beschreibt nur einige ihrer wichtigen Zeugnisse. Das Buch „Briefe an Dich – Erinnerungen an das russische Berlin“ legt die Basis dieser Informationen dar. Vera Lourié hat sich im hohen Alter von achtzig Jahren noch einmal verliebt. Diese Liebe ging an die Ehefrau ihres Hausarztes. Sie telefonierten und trafen sich regelmäßig. Lourié schrieb ihr Briefe, indem sie sich in die Vergangenheit zurückversetzte und aus ihren Erinnerungen berichtete. Erst Jahre später wurden diese wirklich abgeschickt und glücklicherweise in diesem Buch veröffentlicht. „Briefe an Dich“ ist ein außergewöhnliches Tagebuch mit wichtigen Details aus dem Alltag, die oft verloren gehen.

Text: Tatjana Kruglikov

Quelle:

Liebermann, Doris (2014): Briefe an Dich: Erinnerungen an das russische Berlin. Frankfurt am Main.

Polen in der Geschichte Berlins: Zufall der Liebe oder bewusste Entscheidung?

 

Seit mehreren Jahrhunderten siedelten sich die Polen in Berlin an, die Stadt an der Spree wirkt anziehend für das Nachbarland und die Menschen kommen, um anderes Leben als im Heimatland zu finden. Sind es Zufälle oder bewusste Entscheidungen, dass viele Polen seit Jahrhunderten nach Berlin ziehen, um hier zu leben?

Die große Auswanderung der polnischen Bürger fing in der Zeit der innenpolitischen Unruhen an, als die polnisch-litauische Adelsrepublik unterging und Polen ihre Unabhängigkeit für mehr als 100 Jahre verlor. Unter den neuen politischen Bedingungen musste man sich neu orientieren und anpassen. Für viele, besonders für den polnischen Adel verlor die Republik an Bedeutung. Man strebte nach einem besseren Leben und nach neuen Perspektiven, Berlin hatte eine besondere Anziehungskraft für die Adligen, die politisch beteiligt sein wollten.

Warum die Auswahl unbedingt auf Berlin fiel, das wird man bestimmt nie über jeden einzelnen Fall erfahren, es können verschiedene Beweggründe und Motivation behauptet werden, jede einzelne Person hat ihre eigene Motive gehabt und doch nicht die geringste Rolle spielte die Liebe zu der Stadt selbst oder zu den, in Berlin lebenden Bürgern. Man mag es bestreiten oder anzweifeln, doch in vielen Fällen war die Liebe ein entscheidender Bestandteil des Zufalls gewesen.

Luise Frederike von Hohenzollern

Luise Frederike von Hohenzollern

Die Verbindung Polens mit Berlin war schon zu den Zeiten von Preußen nicht von geringer Bedeutung. Der Polnische Adel suchte neuen Ort zum Leben und Wirken. Hier ist eine Geschichte besonders erwähnenswert, in der Zeit der Monarchie war üblich aus politischen Gründen und Vorteilen sich den Gemahlen auszusuchen. Trotz der allgemeinen Einstellung zur Heirat in den Kreisen der damaligen Gesellschaft, wählte die Familie Radziwill nicht zufällig Berlin zu dem neuen Ort des Lebens. Anton Heinrich Radziwill und Luise Frederike von Hohenzollern lernten sich kennen bei gegenseitigen Besuchen. Die Geschichte schreibt über gegenseitige Zuneigung und Verliebtheit. Anton Heinrich und Luise Frederike heirateten am 17 März 1796. Die Ehe dauerte 37 Jahre und galt als sehr glücklich. Diese romantische Geschichte verband das Geschlecht Radziwill mit dem preußischen Hof.

Fürst Anton Heinrich Radziwill

Fürst Anton Heinrich Radziwill

Die Familie Radziwill hatte ihren eigenen Palais in der Wilhelmstraße 77. In dem Palais Radziwill empfing das Ehepaar zahlreiche Künstler und Gelehrte, mit denen sie ohne jegliche höfische Etikette Vorschriften verkehrte und von 1796 bis 1815 einen Salon unterhielt. Diese Ehe war von großer politischer Bedeutung für die Monarchie von Hohenzollern, die polnische Vertreter unterstützten Preußen in den politischen Entscheidungen.

Wie viele glückliche Familien noch aus der Verbindung Polens mit Preußen entstehen konnten kann keiner sagen. Doch schon die nächste Generation von Radziwill musste die Liebe zu Berlin und Polen teilen. Politischer Einfluss Seiten Polens war in Berlin groß, viele polnische Adlige hatten ihre Stellung am Hof der Hohenzollern, natürlich sahen die Deutschen in diesem eine verborgene Gefahr des polnisch-katholischen Einflusses.

Die politische Situation spitzte sich immer mehr zu, in wenigen Jahren später, in der dritten Generation von Radziwills musste die Entscheidung getroffen werden. Es gab nur zwei Auswege für in Berlin lebende Familien, man müsste wählen, ob man zu dem deutschen Kaiser gehört oder man bleibt ein polnischer Patriot. Die Loyalität dem deutschen Kaiser gegenüber wurde von einem Teil der Familie Radziwill gezeigt und die anderen sprachen sich für den Traum der polnischen Unabhängig aus. Die Konsequenzen waren der Entscheidung entsprechend, wenn über den Fürsten Anton Radziwill später als über einen wahren Preußen gesprochen wurde, so blieb aber der polnische Patriot, Fürst Ferdinand Radziwill als kein gern gesehener Gast im Hofe der Preußen. Seiner politischen Einsichten wegen musste der Fürst unter den polnischen Abgeordneten im Reichstag sitzen und damit rechnen, dass seine Person keine große Rolle in der Gesellschaft mehr spielte.

Die Liebe führte die polnische Familie Radziwill nach Berlin, doch diese Liebe konnte die gute Einstellung zu Ihrem Heimatland nicht auslöschen. Man blieb ein Pole trotz der Liebe zu der preußischen Gesellschaft.

Palais Radziwill, die spätere Reichskanzlei

Palais Radziwill, die spätere Reichskanzlei

Im Laufe der Zeit änderten die Berliner ihre Einstellung zu den polnischen Mitbürgern. Die deutsch-polnische Beziehung wirkte sich jeder Zeit auf Berlin aus. Im 19. Jahrhundert, bei den Aufständen für die Unabhängigkeit Polens äußerten die Berliner eine besondere Sympathie und setzten sich für die Freilassung der polnischen, politischen Gefangenen ein.

Es vergingen Jahre und die Einstellungen änderten sich ständig. Es gab Zeiten wo es Feindliche Einstellungen gab zwischen den polnischen- und den deutschen Bürgern, dann, nur wenige Jahre später waren alle friedlich beisammen und lebten miteinander, arbeiteten Seite an Seite. Die Geschichte ist immer ein spannender Beginn der Gegenwart, nur durch die historischen, schon vergangenen Ereignisse können wir in die Gegenwart eingeleitet werden. Die Liebe ließ zu, dass die Familie Radziwill für immer in der Geschichte Berlins bleibt. Die Sympathie zu dem polnischen Volk ließ die Berliner für die polnische Freiheit eintreten. Doch wie sieht die Berliner Realität aus? Sind die Polen immer noch in Berlin willkommen? Oder ist Berlin mehr eine fremde Stadt für die vorüber hier lebende Polen?

Heute genau wie Jahrhunderte früher spielt die Liebe und die Sympathie nicht die geringste Rolle. In Berlin leben und wirken Polen aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Schichten Polens. Jeder von ihnen könnte sich frei entscheiden in ihr Heimatland zurückzukehren, jedoch ist Berlin keine fremde Stadt für die Polen. Auch sie selbst sehen sich nicht als Fremde in Berlin, nicht das Schicksal entschied über ihren Wohnort. Eine bewusste Entscheidung führte viele Polen nach Berlin. Hier studieren sie, machen ihre Karriere, schließen Freundschaften und gründen ihre Familien.

Der Eindruck von Berlin ist für jeden Polen persönlich, trotz der Unterschiede gefällt den meisten die Stadt, weil sie so international, so locker ist. Berlin bietet andere, neue Möglichkeiten und Perspektiven an, Polen haben das Glück und das Pech, dass sie nicht anders als die Deutschen aussehen. Die Möglichkeit sich gut integrieren zu können versichert dennoch nicht die Chancengleichheit. Die Polen müssen sich beweisen und für die Gleichheit kämpfen.

Die Einstellung der Berliner ändert sich im Laufe der Zeit, wie es in der Geschichte der Familie Radziwill und in den Unabhängigkeitskämpfen war, so ist es auch heute. Verschiedene politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Umstände haben Einfluss auf die Sympathie der Berliner zu den Polen und auch der Polen zu den Berlinern. Die Vorurteile und die Stereotypen entscheiden das Schicksal der Polen in Berlin neben dem Zufall der Liebe.

Muss man sich nur für die deutschen entscheiden um in Berlin eine eigene Heimat zu sehen? Viele haben einen Kompromiss für sich gefunden. Die Polen sind meist bestens in die Berliner Gesellschaft integriert und haben eigenes Einkommen. Man lebt hier, hat Einfluss auf Berlin, die deutschen trotz der Zurückhaltung und Distanz ändern ihre Einstellung den polnischen Mitbürgern gegenüber. Das heutige Berlin bietet verschiedene Möglichkeiten einer Zusammenarbeit der Deutschen und der Polen. Häufig werden verschiedene Möglichkeiten von beiden Seiten angeboten, um sich gegenseitig besser kennenzulernen und zu verstehen, wie zum Beispiel verschiedene Vereine, Clubs und Freizeitaktivitäten, die die Zusammenarbeit stärken und die guten Seiten der Polen und Berliner hervorkommen lassen.

Die Offenheit der beiden Seiten wird die Tür zu neuen Beziehungen öffnen. Der Zufall der Liebe, war damals und auch heute derselbe. Nur mit Sympathie und Mitwirken können die Polen die Herzen der Berliner erreichen. Die Herzlichkeit der polnischen Einrichtungen lässt die deutschen sehen, dass Polen für die neue Epoche der Wechselbeziehung offen sind.

Text: Darja Bogomolov

Polnische Gastarbeiter

Migrationswellen

Die ersten polnischen Einwanderer kamen in den 1890er Jahren nach Deutschland aufgrund von Arbeitskräftemangel auf dem Land und der anwachsenden Industrie. In dieser Zeit entstand der Begriff des „Ruhrpolen“.

Mit „Ruhrpolen“ sind die Menschen und deren Nachfahren gemeint, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts teils mit ihren Familien aus dem früheren Königreich Polen, aus Masuren, der Kaschubei und auch aus Oberschlesien ins Ruhrgebiet eingewandert sind und dort meist als Bergleute gearbeitet haben. Die Aussicht auf höhere Löhne, preisgünstige Zechenwohnungen und soziale Aufstiegsmöglichkeiten lockte Tausende polnische Kleinbauern und Landarbeiter in den Westen. Die Gesamtbevölkerung im Ruhrgebiet wuchs von etwa 375.000 um 1852 zunächst auf etwa 536.000 um 1871 an, dann erfolgte bis 1910 eine besonders deutlicher Anstieg auf etwa 3 Millionen und auf schließlich 3,7 Millionen um 1925. Damit war in etwa 70 Jahren eine Verzehnfachung der Gesamtbevölkerung des Ruhrgebiets eingetreten.

Wie bei der Arbeitsmigration in die Bundesrepublik Deutschland in den 1960er Jahren zogen anfangs hauptsächlich polnische Männer ins Ruhrgebiet, die aber rasch ihre Familien nachkommen ließen. Vor dem Ersten Weltkrieg lebte etwa eine halbe Million Polen im Ruhrgebiet. Die große Mehrheit von ihnen wollte nicht in die ländliche Heimat im Osten zurückkehren, sondern sah in der dynamischen Industrieregion an Rhein und Ruhr ihre Zukunft.1

Die nach dem EU-Beitritt Polens im Jahr 2004 beobachtete Abwanderung aus Polen - sowohl die befristetete als auch die dauerhafte Auswanderung - ist die größte Migrationswelle, die Polen in der gesamten Nachkriegszeit (mit Ausnahme einer kurzen Phase in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre) erlebt hat. Nach Schätzungen des Statistischen Hauptamts (Glowny Urzad Statystyczny - GUS) für die Zeit von 2004 bis 2009 hielten sich 1 Mio. (2004) bis 2,27 Mio. (2007) Menschen zwecks Erwerbstätigkeit länger als drei Monate im Ausland auf.2

Rechtliche Arbeitsvorschiften

Aber wie steht es mit den rechtlichen Vorschriften, wenn ein polnischer Staatsbürger eine Arbeit in Deutschland aufnehmen möchte?

Damals galt noch: Nach dem Beitritt Polens am 1. 5. 2004 zur EU durften polnische Arbeitnehmer erst dann eine Arbeit in Deutschland aufnehmen, wenn sie eine Arbeitserlaubnis hatten. Mit dieser Einschränkung, also die Entscheidung einer Vergabe oder Nichtvergabe von Arbeitserlaubnissen, wollte Deutschland einer hohen Zuwanderung entgegenwirken. Die sog. Arbeitserlaubnis-EU war auf ein Jahr befristet. Nach einem Jahr gab es den Anspruch auf eine Arbeitsberechtigung-EU. Diese war dann unbefristet und bot einen freien Zugang zum Arbeitsmarkt. Es war somit kein Arbeitsvisum notwendig.3

Die Beschränkungen für Arbeitnehmer aus den acht Staaten, die 2004 der EU beitraten, sind am 1. Mai 2011 gefallen. Nun können Bürger dieser Staaten auch ohne Arbeitserlaubnis einen Job in Deutschland annehmen.

Die Arbeitnehmerfreizügigkeit gehört zu den vier Grundfreiheiten des Gemeinsamen Marktes und sichert jedem Bürger eines Mitgliedstaates der Europäischen Union (EU) das Recht zu, in jedem anderen EU-Mitgliedstaat unter den gleichen Voraussetzungen eine Beschäftigung aufzunehmen und auszuüben wie ein Angehöriger dieses Staates. D.h. eine Arbeitsgenehmigung ist nicht notwendig.4

Kindergeldanspruch

Wer in Deutschland arbeitet, darf auch Kindergeld beantragen. Dafür sorgte jetzt auch das Grundsatzurteil aus dem Jahr 2012 des Europäischen Gerichtshofs. Dieses besagt, dass Deutschland allen EU-Ausländern, die hier arbeiten und „unbeschränkt steuerpflichtig“ sind, Kindergeld auch dann zahlen muss, wenn die Kinder in der Heimat beim anderen Elternteil leben. So haben polnische Arbeiter einen Anspruch auf 190 Euro ab diesem Jahr. Davon müssen sie das polnische Kindergeld von ungefähr 10 Euro abziehen.5

Anzahl der Emigranten aus Polen

Bis zum Jahr 2004 war Deutschland das Land, das die meisten polnischen Migranten aufnahm; nach 2004 fiel es auf Platz 2 zurück, aber trotz des geschlossenen Arbeitsmarktes arbeiten in Deutschland Jahr für Jahr ca. 400.000 Polen, vor allem zeitlich befristet, als Saisonarbeiter, als Selbständige oder in der wirtschaftlichen Grauzone. Dabei muss darauf aufmerksam gemacht werden, dass nach 2004 die Emigration nach Deutschland deutlich anstieg. Der Arbeitsmarkt ist

also gut bekannt, in Deutschland leben Verwandte und Bekannte und die Lohnunterschiede sind für manche Tätigkeiten außergewöhnlich groß.

Aus einer Studie von Prof. Dr. hab. Krystyna Iglicka, Ökonomin und Expertin für Gesellschaftsdemographie, aus dem Jahr 2010 geht hervor, dass Großbritannien von 24.000 polnischen Emigranten mit einem befristeten Aufenthalt von bis zu drei Monaten im Jahr 2002 auf insgesamt 555. 000 Arbeitsmigranten im Jahr 2009 anstieg. Damit belegt Großbritannien den ersten Platz. Deutschland als Zweitplatzierter nahm 2002 noch 294.000 Emigranten auf. 2009 stieg die Zahl auf 415.000. Irland verzeichnete den stärksten Anstieg von polnischen Arbeitsmigranten. Von nur 2000 Migranten dehnte sich die Zahl drastisch auf 140.000 im Jahr 2009 aus.6

Erfahrungsbericht: Daria und Ewa

Für mich bot sich die Möglichkeit zwei liebe Gastarbeiterinnen aus Polen zu interviewen. Daria und Ewa, dessen Namen ich veränderte, arbeiten seit ungefähr drei Jahren als Reinigungskräfte in einem Hostel in Berlin. Daria ist 40 Jahre jung und war in Polen als Friseurin beschäftigt. Ewa ist 50 Jahre jung und war in einem Betrieb als Einzelhandelskauffrau tätig. Beide Damen kommen aus derselben kleinen Region in Polen und haben sich gegenseitig dazu motiviert eine Arbeit in Deutschland aufzunehmen, da sie noch nie zuvor in Deutschland gearbeitet haben.

Der polnische Reinigungsbetrieb, in dem die beiden Damen waren, wurde von dem Hostel angeworben. Auf die Frage, welche Gründe dazu geführt haben, eine Arbeit in Deutschland aufzunehmen, antworteten sie, dass sie in ihrem Alter keinen anderen Ausweg haben, da es in Polen nicht genug Arbeitsplätze gibt. Zudem gaben sie an, in Polen eine sehr geringe Rente zu erhalten.

Hier in Deutschland erhalten sie wenigstens 8,50 Euro Stundenlohn. Damals, also vor dem Mindestlohngesetz am 1. Januar 2015, arbeiteten sie noch für 5 Euro die Stunde. Im Vergleich dazu würden sie für die selbe Arbeit in Polen, laut eigener Aussage, umgerechnet 3,50 bis 4,50 Euro pro Stunde verdienen. Da Daria nur in Teilzeit angestellt ist, vedient sie etwa 600 Euro im Monat. Ewas monatlicher Verdienst als Vollzeitangestellte summiert sich auf ca. 1060 Euro.

Von diesem Gehalt muss Daria 70 Euro und Ewa 200 Euro im Monat an das Hostel als Übernachtungsgeld abgeben. Für Daria besteht die Möglichkeit, bis zu 7 Tage in Polen zu sein, während Ewa aufgrund ihrer Arbeitszeiten maximal für 2 Tage zurück in die Heimat fahren kann. Soweit sich die Gelegenheit bietet, Fahrgemeinschaften mit Auto, Bus und Bahn zu bilden, nehmen die Damen diese Chance gerne wahr. Doch solche Gelegenheit seien selten, da die einzelnen Arbeitspläne nicht zusammenpassen. Daria beispielsweise gibt 100 bis 150 Euro mtl. für die Fahrtkosten aus. Zu ihrem Heimort fährt sie 4 Stunden mit dem Auto.

Einige persönliche Fragen wollte ich mir erlauben. Ich befragte sie, welche Familienangehörige sie zurücklassen und wie groß die Sehnsucht und das Heimweh sind. Daria beispielsweise ist verheiratet und lässt drei Kinder in der Heimat. Doch das nimmt sie weniger schwer mit und sagt gelassen, dass sie sich eine Pause von ihrer Familie gönnt, wenn sie zurück nach Deutschland fährt. Ewa hingegen nimmt es nicht so leicht auf. Sie ist verwitwet und hängt dementsprechend sehr an ihren zwei Kindern. Und wie sieht es generell mit einer Auswanderung nach Deutschland aus? Da gehen die Meinungen auseinander. Daria gefällt es in Deutschland. Sogar so gut, dass sie es sich vorstellen könnte, hier zu leben. Ewa aber möchte am liebsten bei ihrer Familie in Polen bleiben.

Beide haben gewisse Sprachbarrieren, was die Arbeit im Hostel in manchen Situationen erschwert. Doch es besteht die Möglichkeit auf einen Sprachkurs, deren Kosten vom Staat sogar getragen werden. Auch haben beide für ihre in Polen lebenden Kinder deutsches Kindergeld beantragt. Leider warten sie seit einem Jahr auf eine Zahlung. Die Arbeit in Deutschland sei sogar anstrengender, doch welche weiteren Möglichkeit hätten sie schon, um ihren Kindern eine bessere Zukunft zu bieten?

[1] Glorius, Birgit: Transnationale Perspektiven, Eine Studie zur Migration von Polen und Deutschland, transcript Verlag, Bielefeld, 2007, S.86 ff.

[2] Iglicka,Krystyna: POLEN-ANALYSEN, Nr. 78, 02.11.2010, http://www.laender-analysen.de/polen/pdf/PolenAnalysen78.pdf, [letzter Zugriff: 07.02.2016].

[3] http://www.streifler.de/arbeiten-in-deutschland--96-einschraenkungen-fuer-polnische-arbeitnehmer-nach-dem-eu-beitritt-_5565.html [letzter Zugriff: 07.02.2016].

[4] http://www.anwalt24.de/beitraege-news/fachartikel/Arbeitnehmerfreizuegigkeit-2011-Arbeitnehmer-aus-Estland-Lettland-Litauen-Polen-Tschechien-Slowakei-und-Ungarn, [letzter Zugriff: 07.02.2016].

[5] Kemberg, Tobias: EUGH-Urteil löst Antragsflut auf Kindergeld aus, http://www.wz.de/home/politik/inland/eugh-urteil-loest-antragsflut-auf-kindergeld-aus-1.1623284 [letzter Zugriff: 07.02.2016].

[6] http://www.bpb.de/internationales/europa/polen/41115/tabellen-und-grafiken, [letzter Zugriff: 06.02.2016].

Text: Natalie Mazunin

Mehr Informationen:

www.laender-analysen.de/polen

Russisches Berlin – Parallelgesellschaft im Herzen Berlins?

Der Begriff „Parallelgesellschaft“ rückte spätestens Mitte der 2000er Jahre im Zusammenhang mit den Diskursen über türkische Migranten und den Islam[1] in den Fokus der Medien und birgt seit diesem Zeitpunkt enormen politischen Sprengstoff, wobei letzterer der beiden Diskurse, wie die politische Situation zeigt, hochaktuell ist.

Als „Parallelgesellschaft“ bezeichnet man „eine Gesellschaft, die parallel, also neben der eigentlichen, der Hauptgesellschaft, existiert und mit welcher es [sic!] wenig oder keine Gemeinsamkeiten hat.“[2]

Die Ursachen für die Entstehung von Parallelgesellschaften können vielfältig sein, so nimmt man zum Beispiel an, dass das Ablehnen von Regeln und Vorstellungen der Hauptgesellschaft zur Bildung von Parallelgesellschaften führt. Obwohl diese Annahme auf den ersten Blick plausibel klingt, muss die „Teilhabedimension [der] [Migranten][…] berücksichtigt werden, […] da sie der wohl wichtigste Bestandteil gesellschaftlicher Integration ist.“[3] Dies bedeutet, dass der Erfolg von Integration also auch direkt von der Teilhabe an Ressourcen und Prozessen der Aufnahmegesellschaft abhängig ist. Festzuhalten ist also, dass Haupt- und Parallelgesellschaft in einem engen wechselseitigen Verhältnis zueinander stehen.

In folgenden Blogbeitrag stellt sich die Frage, inwiefern das russische Berlin der 1920er Jahre und das heutige Russische Berlin Parallelgesellschafen sind. Um dies zu klären gilt es Faktoren festzumachen, die typisch für eine Parallelgesellschaft sind und diese mit der Realität zu vergleichen.

Für die Existenz einer Parallelgesellschaft sprechen hauptsächlich folgende Indikatoren: a.) ethno – kulturelle / religiös – kulturelle Homogenität b.) „freiwillige“ Segregation c.) Verdopplung der mehrheitsgesellschaftlichen Institutionen.[4]

Letztlich muss man sagen, dass die aufgezählten Indikatoren die sozial – wirtschaftliche Teilhabedimension ausblenden, von der weiter oben die Rede war, und sich eher auf bereits „sichtbare“ Erscheinungen konzentrieren.[5] Die Fragen, wann ein parallelgesellschaftlicher Zustand beginnt und die genauen Gründe, wieso es überhaupt zur Bildung einer Nebengesellschaft kommt, können daher nicht eindeutig geklärt werden.

Russisches Berlin 1920

Das „erste“ russische Berlin gab es bereits in den 1920er Jahren; etwa 300 000 Migranten aus Russland wählten Berlin als provisorische Heimat.[6]

Die ungewisse politische Situation nach der Oktoberrevolution, die im Bürgerkrieg mündete, welcher bis 1922 andauerte, veranlasste viele dazu das Land zu verlassen und im Ausland eine Verbesserung der Lage abzuwarten.

Die herrschende Hyperinflation machte die Weimarer Republik zu einem attraktiven Ziel für wohlhabende Emigranten. Der Großteil von ihnen gehörte der russischen Elite an, daher hatten viele nicht nur Geld sondern auch Devisen und konnten diese vorteilhaft umtauschen, sodass viele „mindestens so gut wie die Einheimischen[lebten], manche sogar besser[.]“[7] Diese vermögenden Migranten „ließen sich in Charlottenburg, in der westlichen City Berlins rund um den Kurfürstendamm nieder.“[8]

Dass es sich hierbei um eine Parallelgesellschaft im Herzen der Weimarer Republik handelte, lässt sich bereits am Namen ablesen, den die Einheimischen dem „russischen“ Stadtviertel verliehen: Charlottengrad.[9] Die Emigranten errichteten eine eigene, parallele Infrastruktur. Sie eröffneten Geschäfte, Restaurants und Banken; gründeten Verlage und Vereine; schickten ihre Kinder in russische Kindergärten und auf russische Schulen. Bei Bedarf konnte der russische Taxifahrer einen von A nach B bringen und der russische Frisör um die Ecke einem eine schicke Frisur zaubern.[10] Die Aufschrift „Wir sprechen auch Deutsch“ an den Schaufenstern der Geschäfte braucht daher nicht zu verwundern.[11]

Im heutigen Charlottenburg-Wilmersdorf erinnert nichts mehr an die goldenen Zwanziger und die russische Enklave.

Im heutigen Charlottenburg-Wilmersdorf erinnert nichts mehr an die goldenen Zwanziger und die russische Enklave.

Die weiter oben formulierten Kriterien für das Vorhandensein einer Parallelgesellschaft waren in den 1920er Jahren somit erfüllt. Warum das Zusammenleben mit den Einheimischen dennoch relativ unproblematisch ablief, lässt sich leicht erklären: Als Teil der russischen Elite waren die Emigranten weltoffen und hochgebildet, viele hatten in europäischen Städten studiert.[12]

Ganz anders sah die Lage im Scheunenviertel - dem Problemviertel der damaligen Zeit - westlich von Charlottengrad aus, in dem die armen Emigranten auf engstem Raum mit dem heimischen Präkariat hausten.[13]

Die Parallelgesellschaft entstand, weil ein Großteil der Migranten nicht plante in Deutschland zu verbleiben, sondern sobald sich die Gelegenheit bot, zurückkehren (oder weiterreisen) wollte.[14] Daher „sprach[en], dachte[n] und lebte[n] [sie] Russisch.“[15]

Gegen Ende 1922 begann sich die Situation in der neu gegründeten Sowjetunion zu stabilisieren und mit der Währungsreform von 1923 wurde das Leben in Berlin bald so teuer wie in anderen europäischen Metropolen, sodass viele die Stadt verließen und die kurze Blütezeit Berlins ein baldiges Ende fand.[16]

„Russisches“ Berlin heute

Das heutige „russische“ Berlin ist keine „richtige“ Wiedergeburt seines Vorgängers, besonders was seinen Glanz anbetrifft. Mit der Migrationswelle in den 90ern kamen Menschen mit anderen Motiven und Ambitionen.[17]

Im Gegensatz zu ihren Genossen vor 70 Jahren, welche sich explizit „als kulturelle oder politische Botschafter“[18] verstanden und Berlin nur als vorübergehenden Zufluchtsort sahen, kamen die heutige Emigranten um zu bleiben. Viele, besonders die der zweiten und dritten Generation, sind bereits so assimiliert, dass sie keine Kontakte zur russischsprachigen Community mehr pflegen.[19]

Anders sieht es bei vielen Migranten der ersten Generation aus, die sich der russischen Kultur verbunden fühlen und mit Nostalgie in die Vergangenheit zurückblicken. Als die Hoffnungen auf eine blühende Zukunft in Deutschland nicht erfüllt wurden, gekoppelt mit Diskriminationserfahrungen, verfielen viele in Resignation.[20] Manche haben kein Deutsch gelernt.[21] In diesem Milieu werden russische Medien den deutschen oft vorgezogen.[22]

In Beiträgen zum "russischen" Berlin erfreut sich der Supermarkt "Rossiya" größter Beliebtheit.

In Beiträgen zum "russischen" Berlin erfreut sich der Supermarkt "Rossiya" größter Beliebtheit.

Die aktuelle politische Situation – besonders die Ereignisse um die Ukraine-Krise – hat das „russische“ Berlin dennoch tief gespalten. Obwohl viele Deutschland recht positiv bewerten[23], hat sich die Meinung über die EU drastisch verschlechtert.[24] Die meisten eint jedoch der Wunsch nach einer freundschaftlichen Beziehung zwischen Russland und Deutschland.[25]

Auch wenn das heutige Berlin „für 200.000 bis 300.000 Rus­sen eine Hei­mat“[26] bietet, ist es korrekter von einer „Gemeinschaft“ zu sprechen, da es sich aus zahlreichen Ethnien zusammensetzt[27], denen, wenn überhaupt, die russische Kultur und Sprache eigen sind.

Die Zusammenfassung dieser Menge von Menschen zu einer Gemeinschaft an sich, bleibt dennoch problematisch, da entgegen der geläufigen Meinung, gemeinsame Sprache und Kultur nicht zwangsläufig zur Gemeinschaftsbildung führen. Gemeinschaftlichkeit wird aufgrund von einzelnen gemeinsamen Merkmalen oft – fehlerhaft – von außen zugeschrieben.

Das russische Kulturleben ist also nicht mehr ganz so schillernd wie vor 70 Jahren, dennoch hat man sich „in der fremden Großstadt ein kleines Rußland [sic!] aufgebaut[,] [in] [dem] [man] [f]ast alle Bedürfnisse […] bei Landsleuten befriedigen [kann].“[28] In Beiträgen zum „russischen“ Berlin erfreut sich der Supermarkt „Rossiya“ in Charlottenburg größter Beliebtheit, er wird als Beweis für die Existenz eines „russischen“ Berlins zitiert. Auf seinen 400 m² werden Produkte angeboten, die viele noch aus ihrer Kindheit kennen.[29]

Resümee

Die gängige Meinung, dass eine tatsächliche „russische“ Parallelgesellschaft existiert, ist eindeutig zu verneinen. Die Existenz gewisser parallelgesellschaftliche Züge ist nicht von der Hand zu weisen, ausschlaggebend jedoch ist, dass die oben formulierten Kriterien jedenfalls nur ansatzweise oder gar nicht zutreffen.

Schlussfolgernd ist das heutige „russische“ Berlin ist im Gegensatz zu seinem Vorfahr aus den 1920er Jahren keine Parallelgesellschaft.


[1] Vgl. Halm / Sauer 2005: Einleitung

[2] Stoll: Definition Parallelgesellschaft

[3] Halm/Sauer 2005: Parallelgesellschaft und Integration

[4] Vgl. Holm/Sauer 2005: Parallelgesellschaft und Integration, in Anlehnung an Thomas Meyer: Parallelgesellschaft und Demokratie. In: Die Bürgergesellschaft. Perspektiven für Bürgerbeteiligung und Bürgerkommunikation. Hg. v. Reinhard Weil. Bonn 2002, S. 343 - 372.

[5] Vgl. Holm/Sauer 2005: Parallelgesellschaft und Integration

[6] Vgl. Schenkman 2014: Charlottengrad russische Blütezeit in Berlin

[7] Schenkman 2014: russische Kultur inmitten Deutschlands

[8] Bezirksamt Charlottenburg 2015

[9] Vgl. Boiten 2014 : Kalte Herzen im russischen Berlin

[10] Vgl. Schenkmann 2014 : Russische Kultur inmitten Deutschlands

[11] Vgl. Schenkman 2014: russische Kultur inmitten Deutschlands

[12] Vgl. Kleff/Seidel 2008 : 17 – 18

[13] Vgl. Kleff/Seiddel 2008: 17

[14] Vgl. Trautwein : „Russisches Berlin“

[15] Kleff/Seidel 2008: 18

[16] Vgl. Trautwein : „Russisches Berlin“

[17] Vgl. ohne Verfasser 1995: 64

[18] Vgl. ohne Verfasser 1995: 64, zitiert nach Karl Schlögel: Russische Emigration in Deutschland 1918 – 1941. Berlin 1995.)

[19] Vgl. Boiten 2014 : Russisches Berlin

[20] Vgl. ZDF: 09:00 – 09:30

[21] Vgl. Boiten 2014 : Russisches Berlin

[22] Vgl. Das Erste 2011: 02:30

[23] Vgl. Boiten 2014: Russisches Berlin

[24] Vgl. Boiten 2014 : Gebeuteltes Europa

[25] Vgl. Boiten 2014: Das Warten auf Merkel

[26] Boiten 2014: Kalte Herzen im russischen Berlin

[27] Vgl. Boiten 2014: Kalte Herzen im russischen Berlin

[28] ohne Verfasser 1995 : 61

[29] Vgl. ZDF: 00:00 – 00:15

Text: Alexandra Almann

Quellen:

Bezirksamt Charlottenburg – Wilmersdorf: URL: <https://www.berlin.de/ba-charlottenburg-wilmersdorf/ueber-den-bezirk/artikel.240334.php> (Abrufdatum: 01.12.2015).

Boiten, Valérie: Kalte Herzen im russischen Berlin (25.07.2014). In: Cafebabel. URL: <http://www.cafebabel.de/gesellschaft/artikel/charlottengrad-kalte-herzen-im-russischen-berlin.html> (Abrufdatum: 01.12.2015).

Das Erste/FAKT: Russische Parallelwelt in Berlin (17.01.2011). Video, veröff. bei YouTube am 20.01.2011, URL: <https://www.youtube.com/watch?v=Vu3zOqNH73A> (Abrufdatum: 21.01.2016).

Halm, Dirk / Sauer, Martina: Parallelgesellschaft und ethnische Schichtung (28.12.2005). In: Politik und Zeitgeschichte. URL: http://www.bpb.de/apuz/30014/parallelgesellschaft-und-ethnische-schichtung?p=all> (Abrufdatum: 03.12.2015).

Kleff, Sanem / Seidel, Eberhard: Stadt der Vielfalt. Das Entstehen des neuen Berlins durch Migration. Herausgeber: Der Beauftragte des Berliner Senats für Integration und Migration. Berlin 2008, S. 16 – 19.

Stoll, Carina: Parallelgesellschaft. URL: <http://www.gsm-sha.de/Seminarkurs2011/Carina%20Stoll/Definition.htm> (Abrufdatum: 03.12.2015).

Ohne Verfasser: Rückkehr nach Charlottengrad (28.08.1995). In: Spiegel (= Spiegel, Band 35).URL <http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-9209125.html> (Abrufdatum: 01.12.2015).

Schenkman, Jan: Russische Blütezeit in Berlin (01.02.2014). In: Russia Beyond The Headlines. URL: <http://de.rbth.com/lifestyle/2014/02/02/charlottengrad_russische_bluetezeit_in_berlin_2785> (Abrufdatum: 01.12.2015).

Trautwein, Joachim: „Russisches Berlin“: Eine kulturelle Topographie. URL: <http://www.wladarz.de/Vorwort/Inhalt/RUSSIS_1/russis_1.HTM 8> (Abrufdatum:19.01.2016).

ZDF: Charlottengrad – Eine russische Enklave in Berlin. Video, veröff. bei YouTube am 20.05.2014, URL: <https://www.youtube.com/watch?v=x9C7LF8s_Gc> (Abrufdatum: 21.01.2016).

Kroaten in Berlin – Von Gästen, die blieben

Die Zahl der Kroaten in Berlin stieg nach dem Anwerbeabkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem ehemaligen Jugoslawien im Jahr 1968 rasant an. Drei Jahre nach der offiziellen Anwerbung hielten sich in der BRD bereits 775.000 jugoslawische Gastarbeiter auf, mit 33,4 % überproportional viele aus Kroatien. Ihren Höchstwert erreichte die Migration aus dem ehemaligen Jugoslawien im Jahr des Anwerbestopps 1973, als insgesamt 1,1 Million Menschen gezählt wurden.[1] Selbst nach dem Anwerbestopp ließ der Zuzug von Personen aus dem ehemaligen Jugoslawien nicht nach, da es den in Deutschland lebenden Gastarbeitern gestattet war ihre Familien aus der Heimat nachzuholen. Die Zahl jugoslawischer Migranten für den Raum Berlin hielt sich aus diesem Grund, zwischen den Jahren 1974 und 1987, konstant auf knapp 30.000 Personen, wovon über die Hälfte (ca. 17.000 Personen) der gezählten Bevölkerung kroatischer Herkunft war. Die jugoslawischen Migranten stellten zu dieser Zeit die zweitgrößte Minderheit, nach der türkischen Bevölkerung, in Berlin dar.

Auszug aus der Festschrift: Ausländerstatistik für Berlin - 1987

Auszug aus der Festschrift: Ausländerstatistik für Berlin - 1987

Die Aussicht auf einen lukrativen Verdienst und die Erfüllung persönlicher Träume bewegten damals vor allem Menschen aus den ländlichen Gebieten Dalmatiens und der Herzegowina[2], schon viele Jahre vor dem offiziellen Anwerbeabkommen zwischen Jugoslawien und Deutschland, zu einer Beschäftigung im Ausland.

Die Überfahrt und Anstellung erfolgte häufig mittels organisierter Abläufe durch das jugoslawische Bundesamt für Arbeit mit zentralem Sitz in Belgrad.[3] Berlin wurde im Gegensatz zu den anderen deutschen Großstädten erst relativ spät zum Zielort vieler Arbeitsmigranten, die seit dem ersten Anwerbeabkommen mit Italien im Jahr 1955 ihr Glück in der Bundesrepublik Deutschland versuchten. Die damals noch in West und Ost geteilte Stadt bot den Gastarbeitern Berufsperspektiven in dringend benötigten handwerklichen Berufen wie auf der Baustelle oder in Großindustrien. Das Anwerbeabkommen zog jedoch nicht nur Männer als Gastarbeiter in die deutschen Großstädte. Auch Frauen wurden händeringend gesucht und erhofften sich von einer Beschäftigung in namenhaften Betrieben wie Siemens, AEG oder Telefunken ihren Familien eine aussichtreiche Zukunft zu ermöglichen[4].

Arbeitserlaubnis von 1971

Arbeitserlaubnis von 1971

Niemand konnte jedoch Anfangs erahnen, dass die Gastarbeit, die auf ein zeitlich begrenztes Arbeitsverhältnis von maximal zwei Jahren abzielte[5], sich für einige zu einem dauerhaften Status entwickeln sollte. Die Abhängigkeit vieler Arbeitgeber von den mühevoll angelernten ausländischen Arbeitskräften, sowie der gute Verdienst, der längere Anstellungen finanziell rentabel machte, resultierten in regelmäßige Verlängerungen der Arbeitserlaubnis und damit auch zum längeren Verbleib vieler Gastarbeiter in Deutschland. Gleichzeitig geriet durch den längeren Aufenthalt die Vorstellung der Rückkehr in die Heimat vermehrt in den Hintergrund.

Der wirtschaftliche Aufschwung in der BRD, an dem die ausländischen Arbeitskräfte aus den unterschiedlichen Teilen Europas und Nordafrikas maßgeblich mit beteiligt gewesen waren, bestimmte zusätzlich ihre Lebensgewohnheiten und Bedürfnisse und auch die erste Generation der Gastarbeiterkinder, die sich ein Leben in der für sie „fremden“ Heimat kaum vorstellen konnten, machten eine mögliche Rückkehr mit der Zeit zunehmend schwieriger.

Die Kroatische Katholische Mission Berlin (HKMB), die 1965 in Frankfurt ins Leben gerufen wurde und seit 1969 Gottesdienste auf kroatischer Sprache in Berlin anbietet, sah sich Anfang der 80er-Jahre durch den längeren Verbleib vieler Gastarbeiter mit der möglichen Entfremdung kroatischer Familien und dem Verlust kultureller und religiöser Werte konfrontiert. In ihrer 1989 veröffentlichten Festschrift zum 20-jährigen Jubiläum der Kroatischen Katholischen Mission in Berlin widmet sich ihr Autor ausdrücklich der zentralen Aufgabe der Wahrung der katholischen Werte und Traditionen innerhalb einer zunehmend materialistisch geprägten Welt.

U početku bijasmo skromniji. Pošteniji i radišniji. Zadovoljni bilo kojim poslom i bilo kakvom zaradom. Posjedovasmo dvrene barake, hladne postelje. Hranili smo se krompirima i kobasicama. Ispijali berlinski «Schultheiss». Ubrzo smo zamijenili prošlost sa sadašnjošću. Prestadosmo sanjati. Tjeskobe nam postadoše zamršenije. Naučismo od domaćina sve ono što kratku i jeftinu radost donosi. Gledali smo kroz prozorska stakla. Praznili se pred malim ekranima. Zaboravljali jedni druge. Postadosmo dvostruki stranci, u Domovini i u tudjini.[6]

Am Anfang waren wir bescheidener. Ehrlicher und fleißiger. Zufrieden mit jeder Arbeit und mit jedem Verdienst. Wir besaßen Baracken aus Holz, kalte Betten. Wir ernährten uns von Kartoffeln und Wurst. Tranken Berliner «Schultheiss». Bald darauf tauschten wir die Vergangenheit mit der Gegenwart aus. Wir hörten auf zu träumen. Unsere Ängste begannen sich zu verkomplizieren. Wir lernten vom Gastgeber all jenes, was eine kurze und billige Freude bereitet. Wir schauten durch Fensterscheiben. entleerten uns geistig vor kleinen Bildschirmen. Vergaßen einander. Wir wurden zu doppelten Ausländer, in der Heimat und in der Fremde.[7]

 Wie soll eine Zukunft der kroatischen Gastarbeiter und ihrer Familien in der neuen Welt aussehen, die sich in so vielen Bereichen von ihrem gewohnten Umfeld und Leben unterschied?

Seit ihrem Bestehen befasst sich die Mission neben der Seelsorge unter anderem mit dem zentralen Thema der Aufklärung und Weitergabe religiösem und kulturellen Wissens über die Heimat und versucht somit der schleichenden Entfremdung entgegenzuwirken.

Der 1980 vom damaligen Leiter der HKMB gegründete Verein „Vladimir Fran Mažuranić“ widmet sich seit seiner Gründung dem kulturellen Leben der Kroaten in Berlin. In enger Zusammenarbeit mit der kroatischen katholischen Mission finden Tagungen, sowie Leseabende und Diskussionsrunden im Gemeindehaus der Mission statt. In einer gemeinsamen Aktion mit der Kroatischen Kultur, Kunst und Sportgemeinde, die seit 1984 ein zusätzliches Kulturprogramm zur Missionsarbeit in Berlin anbietet, wurde 1988 eine Gedenktafel am Haus in der Dieffenbachstraße 67 in Berlin-Kreuzberg angebracht, die an den in Berlin verstorbenen kroatischen Schriftsteller Vladimir Fran Mažuranić erinnert und gleichzeitig die Existenz einer kulturellen Gemeinschaft von Kroaten in Berlin in der Öffentlichkeit symbolisiert.

Gedenktafel Vladimir Fran Mažuranić

Gedenktafel Vladimir Fran Mažuranić

Zur Bewahrung der eigenen Wurzeln bedarf es jedoch nicht nur der Sichtbarmachung einer homogenen kulturellen Gemeinschaft im öffentlichen Raum, wie es beispielsweise durch die Denkmäler geschieht, sondern auch eines gemeinschaftlichen Wissens über traditionelle Bräuche und Feste. Neben dem Besuch der katholischen Messe in kroatischer Sprache bietet die kroatische katholische Mission ihren Anhängern einen Ort des Zusammenkommens für die gemeinschaftliche Ausübung katholischer Feiertage und traditioneller Bräuche an.

 

 

 

[1] Vgl. Thaden 2014: 45

[2] Ebd.: 46

[3] Lipovcan 1998: 148

[4] Vgl. ebd.: 148

[5] http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/dossier-migration/56377/migrationspolitik-in-der-brd?p=0

[6] Festschrift der Kroatischen Katholischen Mission Berlin zum 20-jährigen Jubiläum. Zitat aus dem Einleitungskapitel Hrvatski Radnici U Berlinu (Kroatische Gastarbeiter in Berlin). Seite 12.

[7] Die freie Übersetzung erfolgte durch den Autor des Blogtextes.

Dabei findet unter den Gemeindeanhängern der kroatischen katholischen Mission stets auch ein informeller Austausch untereinander statt. So wird zum Beispiel regelmäßig über die monatlich erscheinende Ausgabe des „Berlinski Magazin“, die zur kostenlosen Mitnahme vor der Kirche angeboten wird, über bevorstehende Ereignisse und Feste, sowie über Neuigkeiten innerhalb der kroatischen Gemeinde und der Heimat informiert.

Berlinski magazinMisija

Die Kroaten in Berlin blicken auf eine junge Geschichte zurück, in der die Gastarbeiter aus den 60er- und 70er-Jahren ein Fundament bildeten, dass mit der Organisationskraft der kroatischen katholischen Mission über die Jahre ihr stützendes Gerüst erhielt und somit eine Grundlage für eine kroatische community ermöglichte, mit der sich ihre Anhänger fest verankert fühlen.

Gleichzeitig bieten die sich fest etablierten Strukturen innerhalb der kroatischen Gemeinde auch einen Schutz und Zuflucht für Personen, die viele Jahre nach den Gastarbeitern in Berlin ankommen. So konnten sich auch Kriegsflüchtlinge während der 90er-Jahre oder Personen, die heute von der Arbeitnehmerfreizügigkeit innerhalb der EU profitieren, in einer eng vernetzten community zurechtfinden. Auch zukünftig wird das Angebot der kroatischen katholischen Mission und der Kulturvereine eine zentrale Anlaufstelle für die kroatische Minderheit in Berlin darstellen, die sich erinnernd an ihre eigene Vergangenheit ein Stück Heimat und Glauben für die Zukunft bewahren will.

Text: Josip Jolić

Bildnachweis:

Aračić, Dinko u.a. (1989): Hrvatska Katolička Misija. Kroatische Katholische Mission. 1969. – Berlin – 1989. (Festschrift zum 20 jährigem Jubiläum). Split (u.a.): Zbornik „Kačić“.

Matić, Željko (2014): Berlinski Magazin. Prvi mjesečnik za Hrvate u Berlinu. Ausgabe 152. November 2014. Berlin.

Quellen:

Thaden, Matthias (2014): Berichte von der „bauštela duha“. Die kroatische katholische Mission in Berlin zwischen Seelsorge und Identitätsstiftung. In: Südosteuropäische Hefte 3 (1). S. 44-66.

Lipovčan, Srećko (1998): Kulturni rad Hrvata u Berlinu (1974 – 1990). In: Društvena Istraživanja 7 (33-34). S. 147 – 169.

Aračić, Dinko u.a. (1989): Hrvatska Katolička Misija. Kroatische Katholische Mission. 1969. – Berlin – 1989. (Festschrift zum 20 jährigem Jubiläum). Split (u.a.): Zbornik „Kačić“.

Butterwegge, Carolin (2005): Von der "Gastarbeiter"-Anwerbung zum Zuwanderungsgesetz. Migrationsgeschehen und Zuwanderungspolitik in der Bundesrepublik. http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/dossier-migration/56377/migrationspolitik-in-der-brd?p=0 (Zugriff 06.02.2016).

Die slawischen Dörfer in Marzahn

Es sollte bekannt sein, dass im deutschen Raum einst Slawen siedelten. In meinem folgenden Bericht werde ich mich den Slawen, speziell im Raum Berlin, widmen. Ich werde kurz darüber schreiben, wo die Slawen überhaupt her kamen und mich auf die Schwerpunkte der slawischen Einwanderung und Siedlungsentwicklung, sowie den Burgenbau und Herrschaftsstrukturen konzentrieren. Danach komme ich auf das slawische Dorf in Berlin-Marzahn zu sprechen.

Doch zuerst gilt zu klären wo die Slawen herkamen. Man vermutet, dass die Menschen aus zwei unterschiedlichen Richtungen kamen. Einige kamen aus Böhmen und liefen entlang der Elbe in das heutige deutsche Gebiet. Die anderen kamen aus dem Weichselraum über die Oder, entlang der Spree. So sind zwei Stämme entstanden: die Sprewanen und die Heveller. Die Sprewanen lebten auf dem Barnim und dem Ostteltow. Die Hauptansiedlung und das Machtzentrum der Sprewanen wurden aber die Hauptburg und Siedlung an der späteren Köpenicker Schlossinsel, Copnic, am Zusammenfluss von Spree und Dahme. Die Heveller haben sich auch „Stodorjane“ genannt. Das Fürstentum der Heveller bildete den slawischen Teil des Ursprunges der späteren Markgrafschaft Brandenburg. Das Siedlungsgebiet von ihnen erstreckte sich von Spandau entlang der Fluss- und Seeufer des Havelbogens über Brandenburg an der Havel bis hinter Rathenow. Der neuhochdeutsche Name „Heveller“ geht auf die Namensform „Hevelli“ zurück. Auch wenn es zwei unterschiedliche Stämme waren, gehörten beide zu den Lutizen. Die Lutizen waren ein loser Bund einiger nordwestslawischer Stämme, die im Mittelalter den Südosten des heutigen Mecklenburg-Vorpommerns und den Norden des heutigen Brandenburgs bevölkerten. Die Ankunft der Slawen im Raum Berlin-Brandenburg wird auf das 7. Jahrhundert geschätzt. Dort lebten sie bis zum 12. Jahrhundert.

Die Siedlungen der Slawen waren unbefestigt und teils geschlossen, teils ausgedehnt. Sie siedelten eher in Haufen und haben sich auf einer weiten Fläche gestreut. Vor allem haben sie sich in der Nähe von Gewässern niedergelassen, denn die Uferterrassen waren nicht nur reich an Nährstoffen, sie haben auch den direkten Weg zum Fischfang geebnet. So hatte man bessere agrarische Voraussetzungen. Die Siedlungen waren von lang-ovalen Gruben bestimmt auf denen die ebenerdigen Häuser standen. Das waren sogenannte Traufgruben oder auch Vorratsgruben. Man vermutet, dass diese Gruben gerne auch als „erste“ Fußbodenheizung genutzt wurde, in dem man die heiße Asche einfach in die Grube geworfen hat. Die Wärme konnte hochziehen und im Haus wurde es dadurch wärmer. Die Häuser waren einfach gebaut, es war ein typischer Bau aus Blöcken oder Flechtwände. Unter anderem gab es in jedem Dorf ein bis zwei Feuerstellen, die gleichzeitig als Freiluftherde genutzt wurden.

Etwa in der Mitte des 9. Jahrhunderts kam der Burgenbau nach Berlin. Es hatte ein wenig gedauert, da die Slawen einer landwirtschaftlichen geprägten Kultur angehören. Nach Berlin kam der Burgenbau über die Ostsee, über die Wilzen und Abodriten. Die Wilzen (auch Wilsen, Wilciken, Welataben) waren ein westslawischer Stammesverband, der im 8. und 9. Jahrhundert im östlichen Mecklenburg-Vorpommern und im Norden Brandenburgs siedelte. Der Stammesverband setzte sich aus namentlich unbekannten Stämmen zusammen, an dessen Spitze ein Gesamtherrscher oder Großfürst stand. Bis Mitte des 10. Jahrhunderts zerfiel der Stammesverband und es bildete sich eine Reihe von neuen Stämmen. Sie gehörten, wie die Sprewanen und Heveller, zu den Lutizen. Die Abodriten oder Obodriten (auch Abotriten, Obotriten oder Bodrizen) waren ein elbslawischer Stammesverband, der vom 8. bis zum 12. Jahrhundert auf dem Gebiet des heutigen Mecklenburg und dem östlichen Holstein siedelte. Der Name leitet sich vom Stamm der Abodriten ab, der um Wismar und Schwerin ansässig war und innerhalb des Verbandes eine Führungsrolle einnahm.

Für die Berliner Region waren kleine Niederungswälle von einem Durchmesser von 60-90 m charakteristisch. Dazu kamen Ringwälle, die als Sitze von Kleinmächten und Herrschaften dienten. Im 10. Jahrhundert gab es einige Veränderungen bei den Slawen. Ab 928/29 unterwarf König Heinrich den Raum zwischen Elbe und Oder und im späten 10. Jahrhundert expandierte der Piastenfürst Bolesław Chrobry in den östlichen Teil Berlins. Im 12. Jahrhundert siedelte sich im heutigen Köpenick Fürst Jaxa an. Bis dann in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts die Askanier, ein deutsches Uradelsgeschlecht, das Zepter übernahm.

Nun etwas zu Marzahn. Der Name „Marzahn“ kommt vermutlich aus dem Polabischen „marcana“, was so viel wie „Sumpf“ bedeutet (vgl. BKMS močvara, Slk. močiar, Tsch. močál). Der Fluss an dem sich die Slawen siedelten war die Wuhle. Zu dieser Zeit hat dieser Fluss auch noch regelmäßig für Überschwemmungen gesorgt. Man nimmt an, dass dort vor dem 8. Jahrhundert die Germanen siedelten. Während der Ausgrabungen 1976-1979 wurde der Boden in drei Phasen eingeteilt: 5.-1. Jahrhundert v. Chr. und 3,4-5. Jahrhundert n. Chr. war demzufolge germanisch und die Phase ab dem 7. Jahrhundert n. Chr. slawischen Ursprungs. In diesem Boden fanden die Archäologen verschiedene Keramikscherben, 2 Brunnen, aber keine Hausgrundrisse. Man geht davon aus, dass die Slawen die Brunnen der Germanen weiter benutzt haben, da neben einem germanischen Brunnen direkt ein slawischer aufzufinden war.

Leider gibt es nicht viele Anzeichen und Übermittlungen der Slawen in dem östlichen Teil von Berlin. Im Vergleich findet man entlang der Havel sehr viele Zeichen der Slawen. Jedoch sollte es nicht ungeachtet bleiben, dass auch hier einst ein Volk siedelte, das weite Entfernungen hinter sich ließ und sich letztendlich im heutigen Berlin wohl fühlte.

Text: Maria Andrejew

Quellen:

Dralle, Lothar (1981): Slaven an Havel und Spree. Studien zur Entstehung des hevellisch-wilzischen Fürstentums. (9.-11. Jahrhundert.) (= Giessener Abhandlungen zur Agrar- und Wirtschaftsforschung des europäischen Ostens., Bd. 108). Berlin: Verlag Duncker & Humblot.

Fischer, B.; Kirsch, E. (1983): Die frühslawische Siedlung Berlin-Marzahn. Veröffentlichungen des Museums für Ur- und Frühgeschichte Potsdam 17. S. 147-164.

Grebe, Klaus (1976): Zur frühslawischen Besiedlung des Havelgebietes. In: Veröffentlichungen des Museums für Ur- und Frühgeschichte Potsdam 10. Potsdam. S. 167-204.

Harenberg, Bodo (Hrsg.)(1986): Die Chronik Berlins. Dortmund.

Herrmann, J. (1985): Die Slawen in Deutschland. Ein Handbuch. Neubearbeitung. Berlin 1985.

Kahl, Hans-Dietrich (1964): Slawen und Deutsche in der brandenburgischen Geschichte des zwölften Jahrhunderts. Die letzten Jahrzehnte des Landes Stodor. 2 Bände, Mitteldeutsche Forschungen. Bd 30/I+II, Köln/Graz.

Ludat, Herbert (1971): An Elbe und Oder um das Jahr 1000. Skizzen zur Politik des Ottonenreiches und der slawischen Mächte in Mitteleuropa. Köln/Wien.

Müller, Adrian von (1971): Berlins Urgeschichte. Berlin.

Müller, Adrian von (1972): Gesicherte Spuren - Aus der frühen Vergangenheit der Mark Brandenburg. Berlin.

http://www.stadtentwicklung.berlin.de/denkmal/archaeologentag/2008/download/Biermann-SlawenBerlin.pdf (letzter Zugriff: 11.01.2016)

https://de.wikipedia.org/wiki/Germanisch-slawische_Siedlung_von_Berlin-Marzahn (letzter Zugriff: 11.01.2016)

(Spät-)Aussiedler in Berlin

Die Bundesrepublik Deutschland hat zwischen 1950 und 2010 etwa 4,5 Millionen Aussiedler aufgenommen. Die meisten kamen aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. 1953 wurde in der Zentralen Aufnahmestelle des Landes Berlin für Aussiedler (ZAB) in Marienfelde zum ersten Mal der Betrieb aufgenommen. Dort fanden die meisten Aussiedler Unterkunft, Verpflegung und Unterstützung in den ersten Wochen und Monaten in Berlin. Doch wer waren diese Menschen?[1]

(Spät-)Aussiedler sind Personen deutscher Herkunft, die in Ost- und Südosteuropa sowie der ehemaligen Sowjetunion unter den Folgen des zweiten Weltkrieges gelitten haben und aufgrund ihrer deutschen Volkszugehörigkeit massiv verfolgt und auch lange nach Kriegsende benachteiligt wurden.[2] Viele Menschen in Deutschland, und ein nicht zu unterschätzender Teil der Bevölkerung in Berlin, gehören zu den Russlanddeutschen. In den 1990 Jahren kamen viele Aussiedler (seit 1993 sogenannte Spätaussiedler) nach Deutschland. Diese Menschen werden fälschlicherweise für „Russen“ gehalten und einige zählen sich auch tatsächlich eher zur russischen Bevölkerung und nicht zur deutschen. Nur wissen die meisten nicht viel über die Geschichte der Russlanddeutschen. Selbst zu Zeiten der Sowjetunion wussten die Menschen nicht, woher die Russlanddeutschen überhaupt stammen. In Russland wurden sie oft als „Faschisten“ beschimpft, hier gelten sie als „Russen“. Doch wer sind diese Menschen und welches Schicksal ist ihnen widerfahren?

Der Ruf der Zarin

Russlanddeutsche Spätaussiedler sind eine ethnisch deutsche Minderheit, die seit dem 18. Jahrhundert in Russland leben. Viele Deutsche Bauern, Kaufleute und Geistliche folgten dem Ruf Katharinas der Großen, die 1763 ein Manifest erließ, in dem sie alle Ausländer einlud, sich innerhalb der Grenzen des riesigen Reiches niederzulassen. Überall in Nordund Mitteleuropa wurde diese Nachricht verbreitet. Vor allem aber in (dem heutigen) Deutschland, denn die Zarin war selbst deutscher Abstammung und lockte die Deutschen mit vielen Privilegien. So wurde den Menschen die Befreiung von Militär- und Zivildienst, eine befristete Steuerfreiheit, Selbstverwaltung, Reisegeld und vor allem Religionsfreiheit versprochen. Natürlich lag das Hauptinteresse Russlands darin, die siedlungsarmen Gebiete an der Wolga landwirtschaftlich zu kolonialisieren, so dass später auch die Privilegien für die neuen Siedler nach und nach abgeschafft wurden, oder erst gar nicht so umgesetzt wurden, wie versprochen. Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in Russland rund 500 deutsche Kolonien. Sämtliche regionale Dialekte der verlassenen Heimat fanden sich in diesen Kolonien wieder und bildeten so eine kulturelle und konfessionelle Vielfalt. Die unterschiedlichen Mundarten verrieten, dass die meisten Deutschen aus Hessen, Preußen, Sachsen, Württemberg oder der Pfalz stammten. Laut der ersten Volkszählung von 1897 waren Saratow und Samara die kompaktesten Siedlungsgebiete in denen 390.000 von den 1,7 Millionen Russlandeutschen lebten.[3]

„Russifizierung“ und Deportation

Das Zusammenleben der russischen Bevölkerung und den russlanddeutschen Siedlern war nicht immer harmonisch. So begann im Jahr 1871 eine schleichende „Russifizierung“ sämtlicher Lebensbereiche. Für die russlanddeutsche Bevölkerung bedeutete das die Auflösung sämtlicher Privilegien. Die 1874 eingeführte Wehrpflicht für Russlanddeutsche stellte eine der ersten Veränderungen für die deutsche Bevölkerung dar. Die Bemühungen des Zaren Alexander III., Russland zu einem homogenen Staat zu gestalten der alle sprachlichen, kulturellen und religiösen Unterschiede überwindet, hat gravierende Folgen nach sich gezogen. Im Jahr 1890 äußerte der Innenminister des Zaren, dass die deutsche Bevölkerung gefährlich sei, denn sie sei zu sehr mit ihrer früheren Heimat verbunden. Da sie nur von „Germania Kultur, Fortschritt und das Licht der geistigen Wahrheit“ erwarten, können diese Menschen nicht als Mitbürger betrachtet werden. Der einzige Weg die Deutschen mit Russland zu vereinen wäre demnach nur möglich, wenn der der Landkauf der Deutschen eingeschränkt werden würde, ihre innere Selbstverwaltung aufgelöst werden würde und die russische Sprache in den deutschen Schulen eingeführt werden würde.[2] Die Einführung der russischen Sprache als Pflichtfach an deutschen Schulen wurde 1891 obligatorisch. Während des ersten Weltkrieges gibt es einen tiefen Bruch in der Beziehung zwischen Russland und dem deutschen Reich. Zu dieser Zeit leben ca. 1, 7 Mio. Deutsche in Russland. Im Krieg dienen 300.000 Deutsche in der zaristischen Armee. Trotz allem haben die Russlanddeutschen fortwährend einen schweren Stand in Russland. 1928 – 1932 werden viele Menschen deutscher Abstammung zwangskollektiviert und nach Sibirien deportiert. In den folgenden Jahren verschärft sich die Situation, denn die russlanddeutsche Bevölkerung wird zum Volksfeind im zweiten Weltkrieg. Nach einem Erlass im Jahr 1941 wird die deutsche Bevölkerung pauschal der Kollaboration mit Deutschland, der Vorbereitung von Anschlägen beschuldigt und in die asiatischen Gebiete der Sowjetrepublik deportiert. In diesen Verbannungsgebieten werden die Deportierten in Sondersiedlungen untergebracht und durch sogenannte Kommandanten kontrolliert. Nach und nach werden immer mehr Russlanddeutsche in die „Trudarmee“ eingezogen. Die körperliche Schwerstarbeit beim Bau von Industrieanlagen, Bahnlinien, Straßen, Kanälen und Bergbau kosteten tausenden Menschen das Leben. Am Ende des zweiten Weltkrieges wurden 2,5 Mio. Menschen in den Sondersiedlungen des sowjetischen Geheimdienstes festgehalten. Ein Großteil waren Deutsche. Obwohl die Insassen ab 1956 die Orte der Sondersiedlungen verlassen durften, durften sie nicht in ihre ursprüngliche Heimat zurückkehren. Eine Entschädigung für das 1941 beschlagnahmte Eigentum erhielten sie nicht. Der Wunsch der Russlanddeutschen auszureisen wächst kontinuierlich und 1987 nimmt der Zustrom deutscher Aussiedler aus der UdSSR immer weiter zu.[4]

Die Rückkehr der Russlanddeutschen

„Aussiedler, seit 1993 Spätaussiedler, sind Angehörige deutscher Minderheiten, die vor dem Ende des 2. Weltkrieges ihren Wohnsitz jenseits der heutigen Ostgrenzen Deutschlands hatten und als Folge des Krieges diese Gebiete verlassen mussten oder aus diesen Gründen vertrieben wurden“ (§1 Bundesvertriebenengesetz).

Laut dem Artikel 116 des Grundgesetzes sind anerkannte Russlanddeutsche Deutsche und „deutsche Volkszugehörige“, die bei Einreise automatisch die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten. Auch den mitreisenden Ehepartnern und Abkömmlingen der Russlanddeutschen
wurde die Einreise, sowie die Einbürgerung erleichtert.

Die zentrale Aufnahmestelle Berlin – Marienfelde

Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde 
Stiftung Berliner Mauer 
Marienfelder Allee 66/80 
D - 12277 Berlin

Nach Einreise mussten zunächst alle Einwanderer, die Berlin zugeteilt wurden, in die zentrale Aufnahmestelle Berlin – Marienfelde. Die zentrale Aufnahmestelle des Landes Berlin für Aussiedler (ZAB) war von 1964–2010 Teil des Landesamts für Gesundheit und Soziales und unterstand der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales. Zuvor diente die zentrale Aufnahmestelle als Dienststelle für die Rehabilitierung der Opfer politischer Verfolgung in der DDR. Später wurde die ZAB zuständig für Aufnahme und Beratung der dem Land Berlin zugewiesenen Spätaussiedler. Zusätzlich wurde sie als Übergangswohnheim der Spätaussiedler genutzt. Durchschnittlich verweilten die Neuankömmlinge vier Monate dort, bevor sie in eine eigene Wohnung ziehen durften. Viele der dort ankommenden Menschen fanden im Stadtteil Berlin Marzahn ein neues Zuhause. Die Anzahl der Russlandeutschen, die der Bezirk Marzahn aufgenommen hat, lag bei circa 25.000. Die starke Flut der Menschen, die nach Deutschland einreisen wollten führte dazu, dass 1990 bereits vor der Einreise geprüft wurde, ob alle erforderlichen Voraussetzungen erfüllt waren. Mit einem Gesetz von 1993 musste ein Vertreibungsdruck glaubhaft gemacht werden. Diese Regelung betraf die Menschen aus den ehemaligen Sowjetstaaten allerdings nicht, dort wurde pauschal von einem „Kriegsfolgenschicksal“ ausgegangen. Seit 1996 müssen alle Einwanderer ausreichende Deutschkenntnisse nachweisen, was durch eine Prüfung festgestellt wird. Von 1950 bis Mitte der 1980er Jahre kamen rund 1,5 Millionen Aussiedler in die Bundesrepublik. Gegen Ende der 1980er Jahre wurde ein starker Anstieg der Zuzugszahlen registriert, 1993 wurden nicht mehr als 220. 000 Einwanderer zugelassen und im Jahr 2000 wurde auch diese Zahl halbiert. Seitdem ging die Einwanderung von Spätaussiedlern stetig zurück und 2006 kamen weniger als 8.000 Menschen nach Deutschland. Da auch in Berlin immer weniger Menschen ankamen wurde die zentrale Aufnahmestelle für Aussiedler in Marienfelde 2010 geschlossen. Insgesamt wurden dort von 1962 bis 2010 circa 96.000 Aussiedler aufgenommen. Seit Dezember 2010 dient das Aufnahmelager wieder als Übergangswohnheim für Flüchtlinge und AsylbewerberInnen.[5]


[1] Skrabania, D. (2011): Die Zentrale Aufnahmestelle für Aussiedler in Berlin-Marienfelde:
14. April  1953 bis 31. Juli 2010. Berlin: Landesamt für Gesundheit und Soziales.
[2] Worbs, S., Bund, E., & Kohls, M. (2013): (Spät-)Aussiedler in Deutschland. Eine Analyse aktueller Daten und Forschungsergebnisse. Nürnberg: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.
[3] Dalos, Gy. (2014): Geschichte der Russlanddeutschen, Von Katharina der Großen bis zur
Gegenwart. München: C.H. Beck.
[4] Kompetenzzentrum für Integration/ KfI
www.lum.nrw.de/zuwanderung/Aufnahmeverfahren_Spaetaussiedler/Geschichte_Russland
deutsche/index.php (letzter Zugriff 24.01.2016)
[5] http://www.notaufnahmelager-berlin.de/de/zab-741.html (letzter Zugriff 02.01.2016)

Text: Lina Pachmann

Weitere Informationen:

http://www.notaufnahmelager-berlin.de

Das Polnische Institut Berlin

Das Polnische Institut Berlin ist eine Einrichtung des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten der Republik Polen. Die Aufgabe des Instituts ist die Vermittlung der polnischen Kultur in Deutschland, speziell in Berlin. Das Bestreben des Instituts beinhaltet das Wecken des Interesses und der Begeisterung für das gesellschaftliche Leben in Polen.

Das Institut organisiert regelmäßig Ausstellungen polnischer Künstler. Im Programm finden sich zeitgenössische Malerei, Fotografie, Video-Art, Design oder Installationen. Die Präsentation neuster Kunst trägt dazu bei, dass das Institut eine beachtliche Bedeutung für die polnische Kunstszene hat, und an der Kunst interessierte Menschen unterschiedlicher Nationalitäten zusammenführt. Auf diese Weise dient das Polnische Institut als Plattform und als Mittler für das Entstehen nachhaltiger Netzwerke und Kooperationen. Als Ansprechpartner für deutsche Kulturschaffende und Künstler aber auch Institutionen und Kultureinrichtungen, die an einem Austausch mit Polen interessiert sind, fördert das Institut das Entstehen von einem deutsch- polnischen Dialog. Es ist einen Anlaufpunkt für Polen-Interessierte, die hier Informationen zu weiteren Aspekten der polnischen Kunst, Kultur, Geschichte und Landeskunde erhalten. Da die Kommunikation eine außerordentliche Gewichtung für das Institut hat, stellen die virtuellen Plattformen, wie die eigene Internetseite, Facebook und Twitter, eine Möglichkeit dar, breites und vielfältiges Publikum zu erreichen.

Das Polnische Institut Berlin wurde 1956 gegründet. Die Geschichte des Instituts lässt sich anhand der Veranstaltungspläne rekonstruieren. Im Archiv des Instituts befinden sich Veranstaltungsbroschüren ab dem Februar 1970. Bis zu diesem Zeitpunkt liegen keine Dokumente vor.

Der Sitz des Polnischen Instituts befand sich bis zum Fall der Mauer in Ost-Berlin, in der ehemaligen DDR. Bis zum 15.03.1972 was der Sitz des Polnischen Instituts in der Friedrichstrasse 103. Danach befand sich das Institut in der Karl-Liebknecht-Straße 7.

Die Veranstaltungen des Instituts werden entsprechend der politischen Leitlinie gestaltet. Am 01. 10.1970 hält die Gewerkschaftsgruppe des Büros des Rektors der Humboldtuniversität ein Farblichtbildervortrag über Warschawa. Im Dezember 1970 sind auf der Titelseite des Veranstaltungsplans polnische Bergmänner anlässlich des 04. Dezembers, dem Tag des Bergmanns (Barbórka), zu sehen. Ebenfalls gibt es eine kurze Erklärung zu diesem Thema.

Die Veranstaltungspläne erscheinen monatlich. Aus ihnen sind die organisierten Veranstaltungen des polnischen Instituts zu entnehmen. Die Lesungen, Vorträge, Filmvorführungen finden nicht nur in Berlin statt, sondern auch in anderen Städten der ehemaligen DDR. Die überregionale Tätigkeit des Instituts endet mit der Wiedervereinigung.

Bis zu der Wiedervereinigung befand sich ein Verkaufssalon in den Räumen des Instituts. Dort konnten polnische Bücher, Bildbände, Wanderkarten, Schalplatten, Zeitschriften, Ansichtskarten, Volkskulturerzeugnisse, wie Artikel aus Holz, Glas und Leder erworben werden. Ab 1991 existieren keine Beläge für den Weiterbetrieb des Salons.

Das Polnischen Institut bietet vor, wie nach der Wende Sprachkurse der polnischen Sprache an. Nach 1989 erfahren die Kurse einer Erweiterung, Polnisch als Wirtschafts- und Handelssprache. Gegenwärtig werden Sprachkurse nur für Kinder angeboten.

Die Gestaltung der Broschüren unterliegt ständiger, zeitgemäßer Veränderung. Die politische Entwicklung und Veränderung spiegelt sich in den Veranstaltungen des Polnischen Instituts wieder. Von der heroischen, mit der politischen Doktrin durchsetzen Arbeit des Instituts, bis zu der heutigen, in der der Mensch als Hauptakteur, sei es als Sender zB. Künstler und Empfänger zB. Zuschauer, im Mittelpunkt steht.

Schon 2002, zwei Jahre vor dem Beitritt Polens zur Europäischen Union, organisierte das Institut Diskussionen über dieses Thema. Diskussionen aus der Reihe „Wege zum Nachbarn“ legten Möglichkeiten, die sich aus der neuen Politischen Lage ergeben werden, dar, ebenfalls die Chancen, die sich daraus ergeben werden.

Der Sitz des Polnischen Instituts seit 2004 ist die Burgstraße 27. Es befindet sich direkt gegenüber der Museumsinsel.

Das Institutsgebäude beherbergt eine eigene kleine Bibliothek, die eine Auswahl an Literatur sämtlicher Gattungen sowohl im polnischen Original, wie auch in deutscher Übersetzung bietet. Die Büchersammlung umfasst mehr als 40.000 Publikationen. Zur Verfügung stehen ebenfalls über 600 polnische Filme mit überwiegend englischen oder deutschen Untertiteln. Neben Büchern und Filmen stehen Tageszeitungen, Magazine, Zeitschriften, Musik-CDs und Bildbände zur Ausleihe bereit.

Das Polnische Institut ist der Veranstalter des polnischen Filmfestivals in Berlin und Potsdam filmPOLSKA. Es ist das größte Festival des polnischen Films außerhalb seines Heimatlandes. FilmPOLSKA hat einen festen und etablierten Platz in der Berliner Festivalszene. „Das Festival möchte die Sicht auf den polnischen Nachbarn, über die noch bestehenden Grenzen im Kopf, erweitern und neue Vorstellungshorizonte für ein gegenseitiges Verständnis öffnen “. 2015 feierte das Festival sein 10 jähriges Bestehen.

Weltweit gibt es gegenwärtig 25 Polnische Institute. Im deutschsprachigen Raum, neben dem Berliner Institut und seiner Filiale in Leipzig, besteht ebenfalls das Polnische Institut in Düsseldorf und in Wien.

 

Text: Karoline Korus

Mehr Informationen:

www.berlin.polnischekultur.de