(Spät-)Aussiedler in Berlin

Die Bundesrepublik Deutschland hat zwischen 1950 und 2010 etwa 4,5 Millionen Aussiedler aufgenommen. Die meisten kamen aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. 1953 wurde in der Zentralen Aufnahmestelle des Landes Berlin für Aussiedler (ZAB) in Marienfelde zum ersten Mal der Betrieb aufgenommen. Dort fanden die meisten Aussiedler Unterkunft, Verpflegung und Unterstützung in den ersten Wochen und Monaten in Berlin. Doch wer waren diese Menschen?[1]

(Spät-)Aussiedler sind Personen deutscher Herkunft, die in Ost- und Südosteuropa sowie der ehemaligen Sowjetunion unter den Folgen des zweiten Weltkrieges gelitten haben und aufgrund ihrer deutschen Volkszugehörigkeit massiv verfolgt und auch lange nach Kriegsende benachteiligt wurden.[2] Viele Menschen in Deutschland, und ein nicht zu unterschätzender Teil der Bevölkerung in Berlin, gehören zu den Russlanddeutschen. In den 1990 Jahren kamen viele Aussiedler (seit 1993 sogenannte Spätaussiedler) nach Deutschland. Diese Menschen werden fälschlicherweise für „Russen“ gehalten und einige zählen sich auch tatsächlich eher zur russischen Bevölkerung und nicht zur deutschen. Nur wissen die meisten nicht viel über die Geschichte der Russlanddeutschen. Selbst zu Zeiten der Sowjetunion wussten die Menschen nicht, woher die Russlanddeutschen überhaupt stammen. In Russland wurden sie oft als „Faschisten“ beschimpft, hier gelten sie als „Russen“. Doch wer sind diese Menschen und welches Schicksal ist ihnen widerfahren?

Der Ruf der Zarin

Russlanddeutsche Spätaussiedler sind eine ethnisch deutsche Minderheit, die seit dem 18. Jahrhundert in Russland leben. Viele Deutsche Bauern, Kaufleute und Geistliche folgten dem Ruf Katharinas der Großen, die 1763 ein Manifest erließ, in dem sie alle Ausländer einlud, sich innerhalb der Grenzen des riesigen Reiches niederzulassen. Überall in Nordund Mitteleuropa wurde diese Nachricht verbreitet. Vor allem aber in (dem heutigen) Deutschland, denn die Zarin war selbst deutscher Abstammung und lockte die Deutschen mit vielen Privilegien. So wurde den Menschen die Befreiung von Militär- und Zivildienst, eine befristete Steuerfreiheit, Selbstverwaltung, Reisegeld und vor allem Religionsfreiheit versprochen. Natürlich lag das Hauptinteresse Russlands darin, die siedlungsarmen Gebiete an der Wolga landwirtschaftlich zu kolonialisieren, so dass später auch die Privilegien für die neuen Siedler nach und nach abgeschafft wurden, oder erst gar nicht so umgesetzt wurden, wie versprochen. Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in Russland rund 500 deutsche Kolonien. Sämtliche regionale Dialekte der verlassenen Heimat fanden sich in diesen Kolonien wieder und bildeten so eine kulturelle und konfessionelle Vielfalt. Die unterschiedlichen Mundarten verrieten, dass die meisten Deutschen aus Hessen, Preußen, Sachsen, Württemberg oder der Pfalz stammten. Laut der ersten Volkszählung von 1897 waren Saratow und Samara die kompaktesten Siedlungsgebiete in denen 390.000 von den 1,7 Millionen Russlandeutschen lebten.[3]

„Russifizierung“ und Deportation

Das Zusammenleben der russischen Bevölkerung und den russlanddeutschen Siedlern war nicht immer harmonisch. So begann im Jahr 1871 eine schleichende „Russifizierung“ sämtlicher Lebensbereiche. Für die russlanddeutsche Bevölkerung bedeutete das die Auflösung sämtlicher Privilegien. Die 1874 eingeführte Wehrpflicht für Russlanddeutsche stellte eine der ersten Veränderungen für die deutsche Bevölkerung dar. Die Bemühungen des Zaren Alexander III., Russland zu einem homogenen Staat zu gestalten der alle sprachlichen, kulturellen und religiösen Unterschiede überwindet, hat gravierende Folgen nach sich gezogen. Im Jahr 1890 äußerte der Innenminister des Zaren, dass die deutsche Bevölkerung gefährlich sei, denn sie sei zu sehr mit ihrer früheren Heimat verbunden. Da sie nur von „Germania Kultur, Fortschritt und das Licht der geistigen Wahrheit“ erwarten, können diese Menschen nicht als Mitbürger betrachtet werden. Der einzige Weg die Deutschen mit Russland zu vereinen wäre demnach nur möglich, wenn der der Landkauf der Deutschen eingeschränkt werden würde, ihre innere Selbstverwaltung aufgelöst werden würde und die russische Sprache in den deutschen Schulen eingeführt werden würde.[2] Die Einführung der russischen Sprache als Pflichtfach an deutschen Schulen wurde 1891 obligatorisch. Während des ersten Weltkrieges gibt es einen tiefen Bruch in der Beziehung zwischen Russland und dem deutschen Reich. Zu dieser Zeit leben ca. 1, 7 Mio. Deutsche in Russland. Im Krieg dienen 300.000 Deutsche in der zaristischen Armee. Trotz allem haben die Russlanddeutschen fortwährend einen schweren Stand in Russland. 1928 – 1932 werden viele Menschen deutscher Abstammung zwangskollektiviert und nach Sibirien deportiert. In den folgenden Jahren verschärft sich die Situation, denn die russlanddeutsche Bevölkerung wird zum Volksfeind im zweiten Weltkrieg. Nach einem Erlass im Jahr 1941 wird die deutsche Bevölkerung pauschal der Kollaboration mit Deutschland, der Vorbereitung von Anschlägen beschuldigt und in die asiatischen Gebiete der Sowjetrepublik deportiert. In diesen Verbannungsgebieten werden die Deportierten in Sondersiedlungen untergebracht und durch sogenannte Kommandanten kontrolliert. Nach und nach werden immer mehr Russlanddeutsche in die „Trudarmee“ eingezogen. Die körperliche Schwerstarbeit beim Bau von Industrieanlagen, Bahnlinien, Straßen, Kanälen und Bergbau kosteten tausenden Menschen das Leben. Am Ende des zweiten Weltkrieges wurden 2,5 Mio. Menschen in den Sondersiedlungen des sowjetischen Geheimdienstes festgehalten. Ein Großteil waren Deutsche. Obwohl die Insassen ab 1956 die Orte der Sondersiedlungen verlassen durften, durften sie nicht in ihre ursprüngliche Heimat zurückkehren. Eine Entschädigung für das 1941 beschlagnahmte Eigentum erhielten sie nicht. Der Wunsch der Russlanddeutschen auszureisen wächst kontinuierlich und 1987 nimmt der Zustrom deutscher Aussiedler aus der UdSSR immer weiter zu.[4]

Die Rückkehr der Russlanddeutschen

„Aussiedler, seit 1993 Spätaussiedler, sind Angehörige deutscher Minderheiten, die vor dem Ende des 2. Weltkrieges ihren Wohnsitz jenseits der heutigen Ostgrenzen Deutschlands hatten und als Folge des Krieges diese Gebiete verlassen mussten oder aus diesen Gründen vertrieben wurden“ (§1 Bundesvertriebenengesetz).

Laut dem Artikel 116 des Grundgesetzes sind anerkannte Russlanddeutsche Deutsche und „deutsche Volkszugehörige“, die bei Einreise automatisch die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten. Auch den mitreisenden Ehepartnern und Abkömmlingen der Russlanddeutschen
wurde die Einreise, sowie die Einbürgerung erleichtert.

Die zentrale Aufnahmestelle Berlin – Marienfelde

Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde 
Stiftung Berliner Mauer 
Marienfelder Allee 66/80 
D - 12277 Berlin

Nach Einreise mussten zunächst alle Einwanderer, die Berlin zugeteilt wurden, in die zentrale Aufnahmestelle Berlin – Marienfelde. Die zentrale Aufnahmestelle des Landes Berlin für Aussiedler (ZAB) war von 1964–2010 Teil des Landesamts für Gesundheit und Soziales und unterstand der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales. Zuvor diente die zentrale Aufnahmestelle als Dienststelle für die Rehabilitierung der Opfer politischer Verfolgung in der DDR. Später wurde die ZAB zuständig für Aufnahme und Beratung der dem Land Berlin zugewiesenen Spätaussiedler. Zusätzlich wurde sie als Übergangswohnheim der Spätaussiedler genutzt. Durchschnittlich verweilten die Neuankömmlinge vier Monate dort, bevor sie in eine eigene Wohnung ziehen durften. Viele der dort ankommenden Menschen fanden im Stadtteil Berlin Marzahn ein neues Zuhause. Die Anzahl der Russlandeutschen, die der Bezirk Marzahn aufgenommen hat, lag bei circa 25.000. Die starke Flut der Menschen, die nach Deutschland einreisen wollten führte dazu, dass 1990 bereits vor der Einreise geprüft wurde, ob alle erforderlichen Voraussetzungen erfüllt waren. Mit einem Gesetz von 1993 musste ein Vertreibungsdruck glaubhaft gemacht werden. Diese Regelung betraf die Menschen aus den ehemaligen Sowjetstaaten allerdings nicht, dort wurde pauschal von einem „Kriegsfolgenschicksal“ ausgegangen. Seit 1996 müssen alle Einwanderer ausreichende Deutschkenntnisse nachweisen, was durch eine Prüfung festgestellt wird. Von 1950 bis Mitte der 1980er Jahre kamen rund 1,5 Millionen Aussiedler in die Bundesrepublik. Gegen Ende der 1980er Jahre wurde ein starker Anstieg der Zuzugszahlen registriert, 1993 wurden nicht mehr als 220. 000 Einwanderer zugelassen und im Jahr 2000 wurde auch diese Zahl halbiert. Seitdem ging die Einwanderung von Spätaussiedlern stetig zurück und 2006 kamen weniger als 8.000 Menschen nach Deutschland. Da auch in Berlin immer weniger Menschen ankamen wurde die zentrale Aufnahmestelle für Aussiedler in Marienfelde 2010 geschlossen. Insgesamt wurden dort von 1962 bis 2010 circa 96.000 Aussiedler aufgenommen. Seit Dezember 2010 dient das Aufnahmelager wieder als Übergangswohnheim für Flüchtlinge und AsylbewerberInnen.[5]


[1] Skrabania, D. (2011): Die Zentrale Aufnahmestelle für Aussiedler in Berlin-Marienfelde:
14. April  1953 bis 31. Juli 2010. Berlin: Landesamt für Gesundheit und Soziales.
[2] Worbs, S., Bund, E., & Kohls, M. (2013): (Spät-)Aussiedler in Deutschland. Eine Analyse aktueller Daten und Forschungsergebnisse. Nürnberg: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.
[3] Dalos, Gy. (2014): Geschichte der Russlanddeutschen, Von Katharina der Großen bis zur
Gegenwart. München: C.H. Beck.
[4] Kompetenzzentrum für Integration/ KfI
www.lum.nrw.de/zuwanderung/Aufnahmeverfahren_Spaetaussiedler/Geschichte_Russland
deutsche/index.php (letzter Zugriff 24.01.2016)
[5] http://www.notaufnahmelager-berlin.de/de/zab-741.html (letzter Zugriff 02.01.2016)

Text: Lina Pachmann

Weitere Informationen:

http://www.notaufnahmelager-berlin.de

Das Polnische Institut Berlin

Das Polnische Institut Berlin ist eine Einrichtung des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten der Republik Polen. Die Aufgabe des Instituts ist die Vermittlung der polnischen Kultur in Deutschland, speziell in Berlin. Das Bestreben des Instituts beinhaltet das Wecken des Interesses und der Begeisterung für das gesellschaftliche Leben in Polen.

Das Institut organisiert regelmäßig Ausstellungen polnischer Künstler. Im Programm finden sich zeitgenössische Malerei, Fotografie, Video-Art, Design oder Installationen. Die Präsentation neuster Kunst trägt dazu bei, dass das Institut eine beachtliche Bedeutung für die polnische Kunstszene hat, und an der Kunst interessierte Menschen unterschiedlicher Nationalitäten zusammenführt. Auf diese Weise dient das Polnische Institut als Plattform und als Mittler für das Entstehen nachhaltiger Netzwerke und Kooperationen. Als Ansprechpartner für deutsche Kulturschaffende und Künstler aber auch Institutionen und Kultureinrichtungen, die an einem Austausch mit Polen interessiert sind, fördert das Institut das Entstehen von einem deutsch- polnischen Dialog. Es ist einen Anlaufpunkt für Polen-Interessierte, die hier Informationen zu weiteren Aspekten der polnischen Kunst, Kultur, Geschichte und Landeskunde erhalten. Da die Kommunikation eine außerordentliche Gewichtung für das Institut hat, stellen die virtuellen Plattformen, wie die eigene Internetseite, Facebook und Twitter, eine Möglichkeit dar, breites und vielfältiges Publikum zu erreichen.

Das Polnische Institut Berlin wurde 1956 gegründet. Die Geschichte des Instituts lässt sich anhand der Veranstaltungspläne rekonstruieren. Im Archiv des Instituts befinden sich Veranstaltungsbroschüren ab dem Februar 1970. Bis zu diesem Zeitpunkt liegen keine Dokumente vor.

Der Sitz des Polnischen Instituts befand sich bis zum Fall der Mauer in Ost-Berlin, in der ehemaligen DDR. Bis zum 15.03.1972 was der Sitz des Polnischen Instituts in der Friedrichstrasse 103. Danach befand sich das Institut in der Karl-Liebknecht-Straße 7.

Die Veranstaltungen des Instituts werden entsprechend der politischen Leitlinie gestaltet. Am 01. 10.1970 hält die Gewerkschaftsgruppe des Büros des Rektors der Humboldtuniversität ein Farblichtbildervortrag über Warschawa. Im Dezember 1970 sind auf der Titelseite des Veranstaltungsplans polnische Bergmänner anlässlich des 04. Dezembers, dem Tag des Bergmanns (Barbórka), zu sehen. Ebenfalls gibt es eine kurze Erklärung zu diesem Thema.

Die Veranstaltungspläne erscheinen monatlich. Aus ihnen sind die organisierten Veranstaltungen des polnischen Instituts zu entnehmen. Die Lesungen, Vorträge, Filmvorführungen finden nicht nur in Berlin statt, sondern auch in anderen Städten der ehemaligen DDR. Die überregionale Tätigkeit des Instituts endet mit der Wiedervereinigung.

Bis zu der Wiedervereinigung befand sich ein Verkaufssalon in den Räumen des Instituts. Dort konnten polnische Bücher, Bildbände, Wanderkarten, Schalplatten, Zeitschriften, Ansichtskarten, Volkskulturerzeugnisse, wie Artikel aus Holz, Glas und Leder erworben werden. Ab 1991 existieren keine Beläge für den Weiterbetrieb des Salons.

Das Polnischen Institut bietet vor, wie nach der Wende Sprachkurse der polnischen Sprache an. Nach 1989 erfahren die Kurse einer Erweiterung, Polnisch als Wirtschafts- und Handelssprache. Gegenwärtig werden Sprachkurse nur für Kinder angeboten.

Die Gestaltung der Broschüren unterliegt ständiger, zeitgemäßer Veränderung. Die politische Entwicklung und Veränderung spiegelt sich in den Veranstaltungen des Polnischen Instituts wieder. Von der heroischen, mit der politischen Doktrin durchsetzen Arbeit des Instituts, bis zu der heutigen, in der der Mensch als Hauptakteur, sei es als Sender zB. Künstler und Empfänger zB. Zuschauer, im Mittelpunkt steht.

Schon 2002, zwei Jahre vor dem Beitritt Polens zur Europäischen Union, organisierte das Institut Diskussionen über dieses Thema. Diskussionen aus der Reihe „Wege zum Nachbarn“ legten Möglichkeiten, die sich aus der neuen Politischen Lage ergeben werden, dar, ebenfalls die Chancen, die sich daraus ergeben werden.

Der Sitz des Polnischen Instituts seit 2004 ist die Burgstraße 27. Es befindet sich direkt gegenüber der Museumsinsel.

Das Institutsgebäude beherbergt eine eigene kleine Bibliothek, die eine Auswahl an Literatur sämtlicher Gattungen sowohl im polnischen Original, wie auch in deutscher Übersetzung bietet. Die Büchersammlung umfasst mehr als 40.000 Publikationen. Zur Verfügung stehen ebenfalls über 600 polnische Filme mit überwiegend englischen oder deutschen Untertiteln. Neben Büchern und Filmen stehen Tageszeitungen, Magazine, Zeitschriften, Musik-CDs und Bildbände zur Ausleihe bereit.

Das Polnische Institut ist der Veranstalter des polnischen Filmfestivals in Berlin und Potsdam filmPOLSKA. Es ist das größte Festival des polnischen Films außerhalb seines Heimatlandes. FilmPOLSKA hat einen festen und etablierten Platz in der Berliner Festivalszene. „Das Festival möchte die Sicht auf den polnischen Nachbarn, über die noch bestehenden Grenzen im Kopf, erweitern und neue Vorstellungshorizonte für ein gegenseitiges Verständnis öffnen “. 2015 feierte das Festival sein 10 jähriges Bestehen.

Weltweit gibt es gegenwärtig 25 Polnische Institute. Im deutschsprachigen Raum, neben dem Berliner Institut und seiner Filiale in Leipzig, besteht ebenfalls das Polnische Institut in Düsseldorf und in Wien.

 

Text: Karoline Korus

Mehr Informationen:

www.berlin.polnischekultur.de

Hintergründe für die Migration sowjetischer Künstler der 20er Jahre nach Berlin

Nach der Oktoberrevolution im Jahr 1917 emigrierten viele Russen nach Westen. So lebten in Berlin in den zwanziger Jahren ca. 400.000[1] russische Emigranten, darunter auch bedeutende, weltberühmte sowjetische Künstler wie Alexej Remisov, Alexej Tolstoi, Ilja Ehrenburg, Maxim Gorki, Andrej Bely, Viktor Schklowski, Sergej Jessenin, Marina Zwetajewa, Wladislaw Chodassewitsch, Boris Pasternak, Wladimir Majakowski, Vladimir Nabokov und weitere.

Es gab insgesamt viele Gründe für die russischen Aussiedler um nach Deutschland zu reisen. Eine der wichtigen Ursachen der Flucht für viele Menschen, insbesondere für Künstler, war eine schwierige politische Situation, die in Russland nach der Oktoberrevolution entstand. Menschen wurden politisch verfolgt, da sie die Revolution und daraus entstandene Reformen nicht akzeptieren wollten.

Die Zahl der russischen Migranten war gerade in der deutschen Hauptstadt so groß, dass es zu einer rasanten Entwicklung des vielfältigen russischen Alltag- und Kulturlebens führte. In Berlin entstanden zahlreiche Restaurants und unterschiedliche Orte für die Treffen derrussischen Migranten, wo insbesondere die Versammlungen der Vertreter der russischen Intelligenz stattfanden. Bemerkenswert ist auch die rasche Entwicklung des Verlagswesens und der Presse gewesen. Das ist insbesondere auf das im Vergleich zu Russland günstigere finanzielle Umfeld in Deutschland zurückzuführen[2].

Der finanzielle Aspekt kann damit als ein Grund der Migration aus der Sowjetunion nach Berlin betrachtet werden. In Deutschland verursachte die Inflation vor allem für die Besitzer von Valuta und Wertgegenständen niedrigere Kosten fürs Leben und die Produktion als in Russland[3]. Durch Hin- und Rücktausch der wertvollen Gegenstände und des Geldes konnten die Menschen einen vielfachen Gewinn erzielen. Allerdings wollten nicht alle Aussiedler diese Gelegenheit ausnutzen: Andrej Bely regte sich über die Migranten auf, die „(…) vor den Wechselstuben Schlange standen, dank ihrer Finanzmanipulationen besser lebten als die meisten Deutschen und in Berlin großspurig auftraten“[4]. Auch Majakowski fand dieses Verhalten seiner Landsleute nicht in Ordnung und äußerte sich diesbezüglich in der Moskauer Presse.

Berlin war damals weltweit das größte Zentrum der russischen Migration[5]. Noch ein beliebtes Ziel für die Migranten aus dem Osten war Paris, wo sich auch sehr viele Vertreter der russischen Intelligenz aufhielten. Für einige war Berlin ein Zwischenstopp auf dem Weg in die anderen westlichen Städte. Zu den Künstlern, die aus Berlin nach Paris gezogen sind, gehörte z.B. Sergej Jessenin, der allerdings nach drei Monaten wieder in die Sowjetunion zurückkehrte. Insgesamt hielte sich Jessenin zwei Mal in Berlin auf: von Mai bis Juni 1922 und von Februar bis April 1923. Es gab unter den Migranten auch Personen, die in Berlin aus unterschiedlichen Gründen nach ihrer Ruhe suchten und sich erholen wollten. In diesem Zusammenhang kann der bedeutende russische Lyriker Wladislaw Chodassewitsch erwähnt werden. Chodassewitsch lebte in Berlin von Juni 1922 bis November 1923 und empfand die deutsche Hauptstadt als eine Zwischenstation, wo er „(…) sich erholen [und] Kräfte sammeln wollte für das neue Leben in Russland“[6]. Er zog später nach Italien und lebte danach bis zu seinem Tode in Paris.

Die Entfernung von der Heimat mit einer direkten Bahn- oder Schiffsverbindung spielte ebenfalls eine gewisse Rolle bei der Entscheidung bezüglich des Migrationsziels für einige Aussiedler[7]. Eine kürzere Entfernung oder eine günstige direkte Verkehrsverbindung war für diejenigen, die später beispielsweise auf Grund von Heimweh nach Russland zurückkehren wollten von Vorteil. Alexej Remisow gehörte zu denen, die sich in Berlin absolut unwohl gefühlt haben. Er und seine Frau lebten von August 1921 bis Dezember 1923 in der deutschen Hauptstadt, danach sind sie trotz der Sehnsucht nach der Heimat nach Paris gezogen, was vor allem auffinanzielle Schwierigkeiten zurückzuführen ist. Die finanziellen Sorgen bestanden dort fort. Fast am Ende seines Lebens hat Alexej Remisow eine sowjetische Bürgerschaft bekommen, allerdings kehrte er nie wieder in die Heimat zurück und starb später in Paris.

Nicht zuletzt sollte ein propagandistisches Ziel erwähnt werden. Mehrmals kam Majakowski zwischen Oktober 1922 und Februar 1929 nach Berlin, „(…) um für die Errungenschaften der Sowjetmacht zu werben und die Unruhe unter den Emigranten zu stiften“[8]. Majakowski, der als Dichter der Revolution bekannt ist, hat in seinem Leben unter anderem sehr viele Gedichte zu politischen Themen verfasst sowie Plakate und Broschüren gemalt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass trotz der unterschiedlichen Ziele und Gründe für den Aufenthalt in Berlin und trotz der differierenden Empfindungen der deutschen Hauptstadt von den russischen Künstlern in Berlin zahlreiche weltweit bekannte Werke entstanden sind. Zum Ende des Jahres 1923 haben viele Vertreter der russischen Intelligenz Berlin verlassen.


[1] Urban, Thomas (2003): Russische Schriftsteller im Berlin der zwanziger Jahre. Berlin: Nicolaische Verlagsbuchhandlung. S. 7.
[2] Urban, Thomas (2003): Russische Schriftsteller im Berlin der zwanziger Jahre. Berlin: Nicolaische Verlagsbuchhandlung. S. 17.
[3] http://www.wladarz.de/Vorwort/Inhalt/RUSSIS_1/russis_1.HTM
[4] Urban, Thomas (2003): Russische Schriftsteller im Berlin der zwanziger Jahre. Berlin: Nicolaische Verlagsbuchhandlung. S. 10.
[5] http://www.partner-inform.de/partner/detail/2007/4/238/2362/russkie-pisateli-v-berline
[6] Urban, Thomas (2003): Russische Schriftsteller im Berlin der zwanziger Jahre. Berlin: Nicolaische Verlagsbuchhandlung. S. 152.
[7] http://www.wladarz.de/Vorwort/Inhalt/RUSSIS_1/russis_1.HTM
[8] Urban, Thomas (2003): Russische Schriftsteller im Berlin der zwanziger Jahre. Berlin: Nicolaische Verlagsbuchhandlung. S. 9.

Quellen:

Tchernodarov, Andreij (Hrsg.)(2014): Das Russische Kulturleben in Berlin der 1920er Jahre: Begleitpublikation zur Ausstellung in der Botschaft der Russischen Föderation in Berlin. Berlin: Klak.

Urban, Thomas (2003): Russische Schriftsteller in Berlin der zwanziger Jahre. Berlin: Nicolaische Verlagsbuchhandlung.

Цфасман А.Б. (2008): «Русский Берлин» 1920-х годов: издательский бум. In: Вестник Челябинского государственного университета 34. S. 102-107.