Kroaten in Berlin – Von Gästen, die blieben

Die Zahl der Kroaten in Berlin stieg nach dem Anwerbeabkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem ehemaligen Jugoslawien im Jahr 1968 rasant an. Drei Jahre nach der offiziellen Anwerbung hielten sich in der BRD bereits 775.000 jugoslawische Gastarbeiter auf, mit 33,4 % überproportional viele aus Kroatien. Ihren Höchstwert erreichte die Migration aus dem ehemaligen Jugoslawien im Jahr des Anwerbestopps 1973, als insgesamt 1,1 Million Menschen gezählt wurden.[1] Selbst nach dem Anwerbestopp ließ der Zuzug von Personen aus dem ehemaligen Jugoslawien nicht nach, da es den in Deutschland lebenden Gastarbeitern gestattet war ihre Familien aus der Heimat nachzuholen. Die Zahl jugoslawischer Migranten für den Raum Berlin hielt sich aus diesem Grund, zwischen den Jahren 1974 und 1987, konstant auf knapp 30.000 Personen, wovon über die Hälfte (ca. 17.000 Personen) der gezählten Bevölkerung kroatischer Herkunft war. Die jugoslawischen Migranten stellten zu dieser Zeit die zweitgrößte Minderheit, nach der türkischen Bevölkerung, in Berlin dar.

Auszug aus der Festschrift: Ausländerstatistik für Berlin - 1987

Auszug aus der Festschrift: Ausländerstatistik für Berlin - 1987

Die Aussicht auf einen lukrativen Verdienst und die Erfüllung persönlicher Träume bewegten damals vor allem Menschen aus den ländlichen Gebieten Dalmatiens und der Herzegowina[2], schon viele Jahre vor dem offiziellen Anwerbeabkommen zwischen Jugoslawien und Deutschland, zu einer Beschäftigung im Ausland.

Die Überfahrt und Anstellung erfolgte häufig mittels organisierter Abläufe durch das jugoslawische Bundesamt für Arbeit mit zentralem Sitz in Belgrad.[3] Berlin wurde im Gegensatz zu den anderen deutschen Großstädten erst relativ spät zum Zielort vieler Arbeitsmigranten, die seit dem ersten Anwerbeabkommen mit Italien im Jahr 1955 ihr Glück in der Bundesrepublik Deutschland versuchten. Die damals noch in West und Ost geteilte Stadt bot den Gastarbeitern Berufsperspektiven in dringend benötigten handwerklichen Berufen wie auf der Baustelle oder in Großindustrien. Das Anwerbeabkommen zog jedoch nicht nur Männer als Gastarbeiter in die deutschen Großstädte. Auch Frauen wurden händeringend gesucht und erhofften sich von einer Beschäftigung in namenhaften Betrieben wie Siemens, AEG oder Telefunken ihren Familien eine aussichtreiche Zukunft zu ermöglichen[4].

Arbeitserlaubnis von 1971

Arbeitserlaubnis von 1971

Niemand konnte jedoch Anfangs erahnen, dass die Gastarbeit, die auf ein zeitlich begrenztes Arbeitsverhältnis von maximal zwei Jahren abzielte[5], sich für einige zu einem dauerhaften Status entwickeln sollte. Die Abhängigkeit vieler Arbeitgeber von den mühevoll angelernten ausländischen Arbeitskräften, sowie der gute Verdienst, der längere Anstellungen finanziell rentabel machte, resultierten in regelmäßige Verlängerungen der Arbeitserlaubnis und damit auch zum längeren Verbleib vieler Gastarbeiter in Deutschland. Gleichzeitig geriet durch den längeren Aufenthalt die Vorstellung der Rückkehr in die Heimat vermehrt in den Hintergrund.

Der wirtschaftliche Aufschwung in der BRD, an dem die ausländischen Arbeitskräfte aus den unterschiedlichen Teilen Europas und Nordafrikas maßgeblich mit beteiligt gewesen waren, bestimmte zusätzlich ihre Lebensgewohnheiten und Bedürfnisse und auch die erste Generation der Gastarbeiterkinder, die sich ein Leben in der für sie „fremden“ Heimat kaum vorstellen konnten, machten eine mögliche Rückkehr mit der Zeit zunehmend schwieriger.

Die Kroatische Katholische Mission Berlin (HKMB), die 1965 in Frankfurt ins Leben gerufen wurde und seit 1969 Gottesdienste auf kroatischer Sprache in Berlin anbietet, sah sich Anfang der 80er-Jahre durch den längeren Verbleib vieler Gastarbeiter mit der möglichen Entfremdung kroatischer Familien und dem Verlust kultureller und religiöser Werte konfrontiert. In ihrer 1989 veröffentlichten Festschrift zum 20-jährigen Jubiläum der Kroatischen Katholischen Mission in Berlin widmet sich ihr Autor ausdrücklich der zentralen Aufgabe der Wahrung der katholischen Werte und Traditionen innerhalb einer zunehmend materialistisch geprägten Welt.

U početku bijasmo skromniji. Pošteniji i radišniji. Zadovoljni bilo kojim poslom i bilo kakvom zaradom. Posjedovasmo dvrene barake, hladne postelje. Hranili smo se krompirima i kobasicama. Ispijali berlinski «Schultheiss». Ubrzo smo zamijenili prošlost sa sadašnjošću. Prestadosmo sanjati. Tjeskobe nam postadoše zamršenije. Naučismo od domaćina sve ono što kratku i jeftinu radost donosi. Gledali smo kroz prozorska stakla. Praznili se pred malim ekranima. Zaboravljali jedni druge. Postadosmo dvostruki stranci, u Domovini i u tudjini.[6]

Am Anfang waren wir bescheidener. Ehrlicher und fleißiger. Zufrieden mit jeder Arbeit und mit jedem Verdienst. Wir besaßen Baracken aus Holz, kalte Betten. Wir ernährten uns von Kartoffeln und Wurst. Tranken Berliner «Schultheiss». Bald darauf tauschten wir die Vergangenheit mit der Gegenwart aus. Wir hörten auf zu träumen. Unsere Ängste begannen sich zu verkomplizieren. Wir lernten vom Gastgeber all jenes, was eine kurze und billige Freude bereitet. Wir schauten durch Fensterscheiben. entleerten uns geistig vor kleinen Bildschirmen. Vergaßen einander. Wir wurden zu doppelten Ausländer, in der Heimat und in der Fremde.[7]

 Wie soll eine Zukunft der kroatischen Gastarbeiter und ihrer Familien in der neuen Welt aussehen, die sich in so vielen Bereichen von ihrem gewohnten Umfeld und Leben unterschied?

Seit ihrem Bestehen befasst sich die Mission neben der Seelsorge unter anderem mit dem zentralen Thema der Aufklärung und Weitergabe religiösem und kulturellen Wissens über die Heimat und versucht somit der schleichenden Entfremdung entgegenzuwirken.

Der 1980 vom damaligen Leiter der HKMB gegründete Verein „Vladimir Fran Mažuranić“ widmet sich seit seiner Gründung dem kulturellen Leben der Kroaten in Berlin. In enger Zusammenarbeit mit der kroatischen katholischen Mission finden Tagungen, sowie Leseabende und Diskussionsrunden im Gemeindehaus der Mission statt. In einer gemeinsamen Aktion mit der Kroatischen Kultur, Kunst und Sportgemeinde, die seit 1984 ein zusätzliches Kulturprogramm zur Missionsarbeit in Berlin anbietet, wurde 1988 eine Gedenktafel am Haus in der Dieffenbachstraße 67 in Berlin-Kreuzberg angebracht, die an den in Berlin verstorbenen kroatischen Schriftsteller Vladimir Fran Mažuranić erinnert und gleichzeitig die Existenz einer kulturellen Gemeinschaft von Kroaten in Berlin in der Öffentlichkeit symbolisiert.

Gedenktafel Vladimir Fran Mažuranić

Gedenktafel Vladimir Fran Mažuranić

Zur Bewahrung der eigenen Wurzeln bedarf es jedoch nicht nur der Sichtbarmachung einer homogenen kulturellen Gemeinschaft im öffentlichen Raum, wie es beispielsweise durch die Denkmäler geschieht, sondern auch eines gemeinschaftlichen Wissens über traditionelle Bräuche und Feste. Neben dem Besuch der katholischen Messe in kroatischer Sprache bietet die kroatische katholische Mission ihren Anhängern einen Ort des Zusammenkommens für die gemeinschaftliche Ausübung katholischer Feiertage und traditioneller Bräuche an.

 

 

 

[1] Vgl. Thaden 2014: 45

[2] Ebd.: 46

[3] Lipovcan 1998: 148

[4] Vgl. ebd.: 148

[5] http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/dossier-migration/56377/migrationspolitik-in-der-brd?p=0

[6] Festschrift der Kroatischen Katholischen Mission Berlin zum 20-jährigen Jubiläum. Zitat aus dem Einleitungskapitel Hrvatski Radnici U Berlinu (Kroatische Gastarbeiter in Berlin). Seite 12.

[7] Die freie Übersetzung erfolgte durch den Autor des Blogtextes.

Dabei findet unter den Gemeindeanhängern der kroatischen katholischen Mission stets auch ein informeller Austausch untereinander statt. So wird zum Beispiel regelmäßig über die monatlich erscheinende Ausgabe des „Berlinski Magazin“, die zur kostenlosen Mitnahme vor der Kirche angeboten wird, über bevorstehende Ereignisse und Feste, sowie über Neuigkeiten innerhalb der kroatischen Gemeinde und der Heimat informiert.

Berlinski magazinMisija

Die Kroaten in Berlin blicken auf eine junge Geschichte zurück, in der die Gastarbeiter aus den 60er- und 70er-Jahren ein Fundament bildeten, dass mit der Organisationskraft der kroatischen katholischen Mission über die Jahre ihr stützendes Gerüst erhielt und somit eine Grundlage für eine kroatische community ermöglichte, mit der sich ihre Anhänger fest verankert fühlen.

Gleichzeitig bieten die sich fest etablierten Strukturen innerhalb der kroatischen Gemeinde auch einen Schutz und Zuflucht für Personen, die viele Jahre nach den Gastarbeitern in Berlin ankommen. So konnten sich auch Kriegsflüchtlinge während der 90er-Jahre oder Personen, die heute von der Arbeitnehmerfreizügigkeit innerhalb der EU profitieren, in einer eng vernetzten community zurechtfinden. Auch zukünftig wird das Angebot der kroatischen katholischen Mission und der Kulturvereine eine zentrale Anlaufstelle für die kroatische Minderheit in Berlin darstellen, die sich erinnernd an ihre eigene Vergangenheit ein Stück Heimat und Glauben für die Zukunft bewahren will.

Text: Josip Jolić

Bildnachweis:

Aračić, Dinko u.a. (1989): Hrvatska Katolička Misija. Kroatische Katholische Mission. 1969. – Berlin – 1989. (Festschrift zum 20 jährigem Jubiläum). Split (u.a.): Zbornik „Kačić“.

Matić, Željko (2014): Berlinski Magazin. Prvi mjesečnik za Hrvate u Berlinu. Ausgabe 152. November 2014. Berlin.

Quellen:

Thaden, Matthias (2014): Berichte von der „bauštela duha“. Die kroatische katholische Mission in Berlin zwischen Seelsorge und Identitätsstiftung. In: Südosteuropäische Hefte 3 (1). S. 44-66.

Lipovčan, Srećko (1998): Kulturni rad Hrvata u Berlinu (1974 – 1990). In: Društvena Istraživanja 7 (33-34). S. 147 – 169.

Aračić, Dinko u.a. (1989): Hrvatska Katolička Misija. Kroatische Katholische Mission. 1969. – Berlin – 1989. (Festschrift zum 20 jährigem Jubiläum). Split (u.a.): Zbornik „Kačić“.

Butterwegge, Carolin (2005): Von der "Gastarbeiter"-Anwerbung zum Zuwanderungsgesetz. Migrationsgeschehen und Zuwanderungspolitik in der Bundesrepublik. http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/dossier-migration/56377/migrationspolitik-in-der-brd?p=0 (Zugriff 06.02.2016).