Russisches Berlin – Parallelgesellschaft im Herzen Berlins?

Der Begriff „Parallelgesellschaft“ rückte spätestens Mitte der 2000er Jahre im Zusammenhang mit den Diskursen über türkische Migranten und den Islam[1] in den Fokus der Medien und birgt seit diesem Zeitpunkt enormen politischen Sprengstoff, wobei letzterer der beiden Diskurse, wie die politische Situation zeigt, hochaktuell ist.

Als „Parallelgesellschaft“ bezeichnet man „eine Gesellschaft, die parallel, also neben der eigentlichen, der Hauptgesellschaft, existiert und mit welcher es [sic!] wenig oder keine Gemeinsamkeiten hat.“[2]

Die Ursachen für die Entstehung von Parallelgesellschaften können vielfältig sein, so nimmt man zum Beispiel an, dass das Ablehnen von Regeln und Vorstellungen der Hauptgesellschaft zur Bildung von Parallelgesellschaften führt. Obwohl diese Annahme auf den ersten Blick plausibel klingt, muss die „Teilhabedimension [der] [Migranten][…] berücksichtigt werden, […] da sie der wohl wichtigste Bestandteil gesellschaftlicher Integration ist.“[3] Dies bedeutet, dass der Erfolg von Integration also auch direkt von der Teilhabe an Ressourcen und Prozessen der Aufnahmegesellschaft abhängig ist. Festzuhalten ist also, dass Haupt- und Parallelgesellschaft in einem engen wechselseitigen Verhältnis zueinander stehen.

In folgenden Blogbeitrag stellt sich die Frage, inwiefern das russische Berlin der 1920er Jahre und das heutige Russische Berlin Parallelgesellschafen sind. Um dies zu klären gilt es Faktoren festzumachen, die typisch für eine Parallelgesellschaft sind und diese mit der Realität zu vergleichen.

Für die Existenz einer Parallelgesellschaft sprechen hauptsächlich folgende Indikatoren: a.) ethno – kulturelle / religiös – kulturelle Homogenität b.) „freiwillige“ Segregation c.) Verdopplung der mehrheitsgesellschaftlichen Institutionen.[4]

Letztlich muss man sagen, dass die aufgezählten Indikatoren die sozial – wirtschaftliche Teilhabedimension ausblenden, von der weiter oben die Rede war, und sich eher auf bereits „sichtbare“ Erscheinungen konzentrieren.[5] Die Fragen, wann ein parallelgesellschaftlicher Zustand beginnt und die genauen Gründe, wieso es überhaupt zur Bildung einer Nebengesellschaft kommt, können daher nicht eindeutig geklärt werden.

Russisches Berlin 1920

Das „erste“ russische Berlin gab es bereits in den 1920er Jahren; etwa 300 000 Migranten aus Russland wählten Berlin als provisorische Heimat.[6]

Die ungewisse politische Situation nach der Oktoberrevolution, die im Bürgerkrieg mündete, welcher bis 1922 andauerte, veranlasste viele dazu das Land zu verlassen und im Ausland eine Verbesserung der Lage abzuwarten.

Die herrschende Hyperinflation machte die Weimarer Republik zu einem attraktiven Ziel für wohlhabende Emigranten. Der Großteil von ihnen gehörte der russischen Elite an, daher hatten viele nicht nur Geld sondern auch Devisen und konnten diese vorteilhaft umtauschen, sodass viele „mindestens so gut wie die Einheimischen[lebten], manche sogar besser[.]“[7] Diese vermögenden Migranten „ließen sich in Charlottenburg, in der westlichen City Berlins rund um den Kurfürstendamm nieder.“[8]

Dass es sich hierbei um eine Parallelgesellschaft im Herzen der Weimarer Republik handelte, lässt sich bereits am Namen ablesen, den die Einheimischen dem „russischen“ Stadtviertel verliehen: Charlottengrad.[9] Die Emigranten errichteten eine eigene, parallele Infrastruktur. Sie eröffneten Geschäfte, Restaurants und Banken; gründeten Verlage und Vereine; schickten ihre Kinder in russische Kindergärten und auf russische Schulen. Bei Bedarf konnte der russische Taxifahrer einen von A nach B bringen und der russische Frisör um die Ecke einem eine schicke Frisur zaubern.[10] Die Aufschrift „Wir sprechen auch Deutsch“ an den Schaufenstern der Geschäfte braucht daher nicht zu verwundern.[11]

Im heutigen Charlottenburg-Wilmersdorf erinnert nichts mehr an die goldenen Zwanziger und die russische Enklave.

Im heutigen Charlottenburg-Wilmersdorf erinnert nichts mehr an die goldenen Zwanziger und die russische Enklave.

Die weiter oben formulierten Kriterien für das Vorhandensein einer Parallelgesellschaft waren in den 1920er Jahren somit erfüllt. Warum das Zusammenleben mit den Einheimischen dennoch relativ unproblematisch ablief, lässt sich leicht erklären: Als Teil der russischen Elite waren die Emigranten weltoffen und hochgebildet, viele hatten in europäischen Städten studiert.[12]

Ganz anders sah die Lage im Scheunenviertel - dem Problemviertel der damaligen Zeit - westlich von Charlottengrad aus, in dem die armen Emigranten auf engstem Raum mit dem heimischen Präkariat hausten.[13]

Die Parallelgesellschaft entstand, weil ein Großteil der Migranten nicht plante in Deutschland zu verbleiben, sondern sobald sich die Gelegenheit bot, zurückkehren (oder weiterreisen) wollte.[14] Daher „sprach[en], dachte[n] und lebte[n] [sie] Russisch.“[15]

Gegen Ende 1922 begann sich die Situation in der neu gegründeten Sowjetunion zu stabilisieren und mit der Währungsreform von 1923 wurde das Leben in Berlin bald so teuer wie in anderen europäischen Metropolen, sodass viele die Stadt verließen und die kurze Blütezeit Berlins ein baldiges Ende fand.[16]

„Russisches“ Berlin heute

Das heutige „russische“ Berlin ist keine „richtige“ Wiedergeburt seines Vorgängers, besonders was seinen Glanz anbetrifft. Mit der Migrationswelle in den 90ern kamen Menschen mit anderen Motiven und Ambitionen.[17]

Im Gegensatz zu ihren Genossen vor 70 Jahren, welche sich explizit „als kulturelle oder politische Botschafter“[18] verstanden und Berlin nur als vorübergehenden Zufluchtsort sahen, kamen die heutige Emigranten um zu bleiben. Viele, besonders die der zweiten und dritten Generation, sind bereits so assimiliert, dass sie keine Kontakte zur russischsprachigen Community mehr pflegen.[19]

Anders sieht es bei vielen Migranten der ersten Generation aus, die sich der russischen Kultur verbunden fühlen und mit Nostalgie in die Vergangenheit zurückblicken. Als die Hoffnungen auf eine blühende Zukunft in Deutschland nicht erfüllt wurden, gekoppelt mit Diskriminationserfahrungen, verfielen viele in Resignation.[20] Manche haben kein Deutsch gelernt.[21] In diesem Milieu werden russische Medien den deutschen oft vorgezogen.[22]

In Beiträgen zum "russischen" Berlin erfreut sich der Supermarkt "Rossiya" größter Beliebtheit.

In Beiträgen zum "russischen" Berlin erfreut sich der Supermarkt "Rossiya" größter Beliebtheit.

Die aktuelle politische Situation – besonders die Ereignisse um die Ukraine-Krise – hat das „russische“ Berlin dennoch tief gespalten. Obwohl viele Deutschland recht positiv bewerten[23], hat sich die Meinung über die EU drastisch verschlechtert.[24] Die meisten eint jedoch der Wunsch nach einer freundschaftlichen Beziehung zwischen Russland und Deutschland.[25]

Auch wenn das heutige Berlin „für 200.000 bis 300.000 Rus­sen eine Hei­mat“[26] bietet, ist es korrekter von einer „Gemeinschaft“ zu sprechen, da es sich aus zahlreichen Ethnien zusammensetzt[27], denen, wenn überhaupt, die russische Kultur und Sprache eigen sind.

Die Zusammenfassung dieser Menge von Menschen zu einer Gemeinschaft an sich, bleibt dennoch problematisch, da entgegen der geläufigen Meinung, gemeinsame Sprache und Kultur nicht zwangsläufig zur Gemeinschaftsbildung führen. Gemeinschaftlichkeit wird aufgrund von einzelnen gemeinsamen Merkmalen oft – fehlerhaft – von außen zugeschrieben.

Das russische Kulturleben ist also nicht mehr ganz so schillernd wie vor 70 Jahren, dennoch hat man sich „in der fremden Großstadt ein kleines Rußland [sic!] aufgebaut[,] [in] [dem] [man] [f]ast alle Bedürfnisse […] bei Landsleuten befriedigen [kann].“[28] In Beiträgen zum „russischen“ Berlin erfreut sich der Supermarkt „Rossiya“ in Charlottenburg größter Beliebtheit, er wird als Beweis für die Existenz eines „russischen“ Berlins zitiert. Auf seinen 400 m² werden Produkte angeboten, die viele noch aus ihrer Kindheit kennen.[29]

Resümee

Die gängige Meinung, dass eine tatsächliche „russische“ Parallelgesellschaft existiert, ist eindeutig zu verneinen. Die Existenz gewisser parallelgesellschaftliche Züge ist nicht von der Hand zu weisen, ausschlaggebend jedoch ist, dass die oben formulierten Kriterien jedenfalls nur ansatzweise oder gar nicht zutreffen.

Schlussfolgernd ist das heutige „russische“ Berlin ist im Gegensatz zu seinem Vorfahr aus den 1920er Jahren keine Parallelgesellschaft.


[1] Vgl. Halm / Sauer 2005: Einleitung

[2] Stoll: Definition Parallelgesellschaft

[3] Halm/Sauer 2005: Parallelgesellschaft und Integration

[4] Vgl. Holm/Sauer 2005: Parallelgesellschaft und Integration, in Anlehnung an Thomas Meyer: Parallelgesellschaft und Demokratie. In: Die Bürgergesellschaft. Perspektiven für Bürgerbeteiligung und Bürgerkommunikation. Hg. v. Reinhard Weil. Bonn 2002, S. 343 - 372.

[5] Vgl. Holm/Sauer 2005: Parallelgesellschaft und Integration

[6] Vgl. Schenkman 2014: Charlottengrad russische Blütezeit in Berlin

[7] Schenkman 2014: russische Kultur inmitten Deutschlands

[8] Bezirksamt Charlottenburg 2015

[9] Vgl. Boiten 2014 : Kalte Herzen im russischen Berlin

[10] Vgl. Schenkmann 2014 : Russische Kultur inmitten Deutschlands

[11] Vgl. Schenkman 2014: russische Kultur inmitten Deutschlands

[12] Vgl. Kleff/Seidel 2008 : 17 – 18

[13] Vgl. Kleff/Seiddel 2008: 17

[14] Vgl. Trautwein : „Russisches Berlin“

[15] Kleff/Seidel 2008: 18

[16] Vgl. Trautwein : „Russisches Berlin“

[17] Vgl. ohne Verfasser 1995: 64

[18] Vgl. ohne Verfasser 1995: 64, zitiert nach Karl Schlögel: Russische Emigration in Deutschland 1918 – 1941. Berlin 1995.)

[19] Vgl. Boiten 2014 : Russisches Berlin

[20] Vgl. ZDF: 09:00 – 09:30

[21] Vgl. Boiten 2014 : Russisches Berlin

[22] Vgl. Das Erste 2011: 02:30

[23] Vgl. Boiten 2014: Russisches Berlin

[24] Vgl. Boiten 2014 : Gebeuteltes Europa

[25] Vgl. Boiten 2014: Das Warten auf Merkel

[26] Boiten 2014: Kalte Herzen im russischen Berlin

[27] Vgl. Boiten 2014: Kalte Herzen im russischen Berlin

[28] ohne Verfasser 1995 : 61

[29] Vgl. ZDF: 00:00 – 00:15

Text: Alexandra Almann

Quellen:

Bezirksamt Charlottenburg – Wilmersdorf: URL: <https://www.berlin.de/ba-charlottenburg-wilmersdorf/ueber-den-bezirk/artikel.240334.php> (Abrufdatum: 01.12.2015).

Boiten, Valérie: Kalte Herzen im russischen Berlin (25.07.2014). In: Cafebabel. URL: <http://www.cafebabel.de/gesellschaft/artikel/charlottengrad-kalte-herzen-im-russischen-berlin.html> (Abrufdatum: 01.12.2015).

Das Erste/FAKT: Russische Parallelwelt in Berlin (17.01.2011). Video, veröff. bei YouTube am 20.01.2011, URL: <https://www.youtube.com/watch?v=Vu3zOqNH73A> (Abrufdatum: 21.01.2016).

Halm, Dirk / Sauer, Martina: Parallelgesellschaft und ethnische Schichtung (28.12.2005). In: Politik und Zeitgeschichte. URL: http://www.bpb.de/apuz/30014/parallelgesellschaft-und-ethnische-schichtung?p=all> (Abrufdatum: 03.12.2015).

Kleff, Sanem / Seidel, Eberhard: Stadt der Vielfalt. Das Entstehen des neuen Berlins durch Migration. Herausgeber: Der Beauftragte des Berliner Senats für Integration und Migration. Berlin 2008, S. 16 – 19.

Stoll, Carina: Parallelgesellschaft. URL: <http://www.gsm-sha.de/Seminarkurs2011/Carina%20Stoll/Definition.htm> (Abrufdatum: 03.12.2015).

Ohne Verfasser: Rückkehr nach Charlottengrad (28.08.1995). In: Spiegel (= Spiegel, Band 35).URL <http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-9209125.html> (Abrufdatum: 01.12.2015).

Schenkman, Jan: Russische Blütezeit in Berlin (01.02.2014). In: Russia Beyond The Headlines. URL: <http://de.rbth.com/lifestyle/2014/02/02/charlottengrad_russische_bluetezeit_in_berlin_2785> (Abrufdatum: 01.12.2015).

Trautwein, Joachim: „Russisches Berlin“: Eine kulturelle Topographie. URL: <http://www.wladarz.de/Vorwort/Inhalt/RUSSIS_1/russis_1.HTM 8> (Abrufdatum:19.01.2016).

ZDF: Charlottengrad – Eine russische Enklave in Berlin. Video, veröff. bei YouTube am 20.05.2014, URL: <https://www.youtube.com/watch?v=x9C7LF8s_Gc> (Abrufdatum: 21.01.2016).

Kaserne Werder: Unsichtbare slawische Spuren der Vergangenheit

Wie jede andere Stadt hat auch ein kleines Städtchen an der Havel, genannt Werder an der Havel, seine Geschichte. Diese Geschichte reicht bis ca. 10 000 Jahre zurück, bis in die Mittelsteinzeit. Zur dieser Zeit sollten dort die ersten Siedlungen von zusammen lebenden Germanen und Slawen gegründet worden sein. Etwa im 9. bis 10. Jahrhundert, so ist es auf der Webseite der Stadt Werder nachzulesen, wurden dann erste Fischerdörfer gegründet. Im Jahr 1902 standen bereits 15 größere Villen, die von einer malerischen grünen Landschaft umgeben waren, an den Ufern der Havel. Aber so weit möchte ich gar nicht in meinem Blogbeitrag ausholen. Meine Geschichte gehört schon zum 20. Jahrhundert und genau handelt es sich um die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als am 3. Mai 1945 Werder an der Havel kampflos an die Rote Armee übergegeben wurde.

Zuvor, im Jahre 1936, diente der Grund und Boden des Lehrsportflughafens in Werder an der Havel als Fliegerhorst für das gigantische Rüstungsprogramm Nazideutschlands; bis zum Ende des Krieges. Die Fläche betrug 140 Hektar und wurde geheim gehalten.
Die Bewohner der Stadt hofften, dass wenn sie sich freiwillig kampflos ergeben, die Soldaten sie dann gütiger behandeln würden und nicht so stark wie in anderen Städten, plündern und vergewaltigen würden. Dennoch fanden auch in Werder diese ungeheuren Taten statt.
Bald danach bezog der Stab der 286. Jagdfliegerdivision unter Oberst Wassili Iossifowitsch Stalin (1921-1962) den vormaligen Fliegerhorst. Er wurde 1952 „befördert“, wobei eher das Wort „versetzt“ die treffende Bezeichnung wäre. Wegen dienstlicher Vergehen und eines ausschweifenden Lebensstiles wurde er auf persönliche Weisung seines Vaters anderweitig beschäftigt.
Das Militärgelände wurde von der Roten Armee unterschiedlich genutzt. Bis 1957, als der Flugplatz endgültig aufgegeben wurde, unterstand es den sowjetischen Luftstreitkräften, bis 1994 den entsprechenden Landstreitkräften. Optisch auffällig waren ein Lazarett und ein Reparaturwerk für die Pioniertechnik.
Die Rote Armee nahm die Kasernen des Fliegerhorstes in Besitz und beschlagnahmte in der Fliegersiedlung /Brunhildestraße, am Plantagenplatz, auf der Insel und in der Eisenbahnstraße zahlreiche Häuser, deren Bewohner ihr Hab und Gut zurücklassen mussten.

Die Zwangsaussiedlung von Deutschen fand statt, um die Offiziere der Roten Armee und deren Familien unterzubringen. Auch wenn die Familien dann ohne Wohnmöglichkeit waren, wurden die Häuser nicht zurückgegeben. Aufgrund dieser Maßnahmen der Roten Armee entstand unter den deutschen Bewohnern eine Wohnnotsituation. Manche Bewohner versuchten ihre Häuser zurück zu bekommen und schrieben Briefe nach Potsdam an die zuständigen deutschen Behörden, hatten aber keinen Erfolg.

Den Zwangsaussiedlungen folgten Sperrzonen, die durch Holzzäune getrennt wurden. Sie sollte dazu dienen, dass die Kommunikation zwischen Deutschen und Russen unterbunden wird. Die errichteten Lebensmittelgeschäfte in dem Stadtteil, in dem die Deutschen lebten, waren nicht so gut mit Lebensmitteln versorgt wie die Lebensmittelhändler im sowjetischen Stadtteil. Ab und zu trauten sich die deutschen Bewohner der Stadt, das sowjetische Territorium zu betreten, um ins Geschäft zu gehen und einige der begehrten Lebensmittel einzukaufen. Die sowjetischen Soldaten machten dabei eine Auge zu und ließen die Bewohner passieren, obwohl das strengst verboten war. Die sowjetischen Soldaten hätten vor Gericht gemusst und ihren Dienst quittieren müssen, wenn diese Kontakte zu den Einheimischen offiziell bekannt geworden wären.

Es wurde beschlossen, dass der Flugplatz nicht mehr existieren wird. Die Flughallen wurden abgebaut und deren Baumaterialien in andere sowjetischen Besatzungszonen oder nach Russland verfrachtet.

Auf dem Gebiet wurde ein Heizkraftwerk gebaut. Die oberirdischen Rohre trugen nicht gerade zur Verschönerung der Kasernen bei. Im Laufe der Zeit wurden einige neue Gebäude gebaut, leider wurden die alten deutschen Gebäude der Witterung und dem Verfall ausgesetzt. Die neunen Gebäude entsprachen keinen deutschen Bauvorschriften. Es waren eher Behelfsgebäude, die von den dort auszubildenden Soldaten, die keine entsprechenden Baukenntnisse besaßen, selbst gebaut wurden.

Hier in den Spezialkompanien wurden in Halbjahreslehrgängen Wehrpflichtige zu Unteroffizieren für verschiedensten Verwendungen in der Fernmeldetruppen der GSSD ausgebildet. In den Jahren von 1981 bis 1990 wurden etwa 15 000 Mann ausgebildet. Die Lebensqualität in den Kasernen war, anders als in den binnenländischen sowjetischen Kasernen, wohl besser. Es ist auch an der Besoldung abzusehen, die in DM (DDR) ausgezahlt wurde. Aus eigener Erfahrung weiß ich zudem, dass die Frauen der sowjetischen Soldaten für ärztliche Untersuchungen deutsche Ärzte aufsuchen durften, da die medizinische Versorgung bei den deutschen Ärzten auf einem qualitativ höheren Niveau durchgeführt wurde. In den Kasernen befanden sich eine Schule und der Aktowyi Saal, wo sowjetische Feiertage gefeiert wurden und Reden gehalten wurden. Es fanden Sportwettbewerbe zwischen sowjetischen und deutschen Soldaten statt. Die Frauen der Soldaten und selbst die Soldaten durften Ausflüge nach Potsdam, Leipzig, aber nicht nach Berlin machen. Dass das alles überhaupt stattgefunden hat, bekunden die zurückgelassene Fotoalben, die von den hier auszubildenden und lebenden Soldaten selbst gemacht wurden und die Erzählungen von den Augenzeugen. Mehr Material ist nicht übriggeblieben. Die Fotos zeigen den beruflichen Alltag von unbekannten Soldaten: wie sie gebaut, gelebt, gearbeitet haben. Die Fotos zeigten auch plakative Bekundungen real nicht existierender Freundschaft. Die Sportler beider Seiten auf den Fotos stehen manchmal mit mürrischen Gesichtern da. Es ist schwer zu sagen ob sie verloren haben oder ihnen diese Veranstaltung aufgezwungen wurde. Auf anderen Fotos sind auch bei irgendwelchen gemeinsamen Feierlichkeiten die vor Stolz trotzenden sowjetischen Soldaten und freundliche, aber schweigsame, deutsche Soldaten zu sehen.

Ab 1957 fanden auf dem Areal bescheidene bauliche Veränderungen statt: technische Funktionsbauten, vier Familienblöcke sowie ein Kulturhaus wurden gebaut. Das Schwimmbecken wurde instand gesetzt. In den 70er Jahren gab es schon fast keine Spuren mehr vom ehemaligen Fliegerhorst. In Fotoalben steht oft auf Deutsch und Russisch das Wort „Freunde“.
Es gab sicherlich auch richtige familiäre Freundschaften unter den Bewohnern der beiden Sektoren, obwohl sie verboten wurden. Entwickelten sie sich dennoch, wurden sie geheim gehalten. Einige Fotos zeigen auch solche wirklich glücklichen Menschen beider Nationalitäten.

Nach dem Abzug der ausländischen Truppen bekam die Stadt Werder das geschundene Areal zurück übertragen. Auf der größten städtischen Konversionsfläche wurden gewissenhaft die militärischen Altlasten beseitigt. Der Boden vom Areal musste dickschichtig entfernt werden, da tief in den Boden Tonnen mit Brennstoff eingebaut wurden und der Grund dadurch chemisch verschmutzt wurde. Auch die Reparaturen der Militärfahrzeuge und deren Reinigung fanden direkt auf dem Areal statt. Es wurde auf keine ökologischen Maßnahmen geachtet. Es blieben viele Militärfahrzeuge auch übrig. Das alles musste fachgerecht als Sondermüll entsorgt werden. Die Stadt bekam finanzielle Hilfe von den in der Stadt selbst ansässigen Firmen. Aber auch sie besaßen nicht das entsprechende finanzielle Kapital, um mit dem Aufbau neuer Gebäude zu beginnen. Es war ein langes politisches Ringen, bevor mit dem Bau überhaupt begonnen werden konnte.

Es begann zunächst der Aufbau eines attraktiven Wohn-, Gewerbe- und Freizeitgebietes, das sich zu einem neuen Stadtteil mit Gartenstadtcharakter entwickelte und entwickelt.
Die Gebäude werden heute anderweitig genutzt und erinnern überhaupt nicht mehr an die vergangenen Zeiten. Es ist ein neues Wohngebiet auf dem Grund gebaut worden. In der Waldorfschule wurden noch ein paar Backsteinwände unverputzt gelassen. Bei einem Tag der offenen Tür war zu erfahren, dass auch dies ein ehemals sowjetisches Gebäude war, aber mehr wisse man dazu auch nicht. Auf dem restlichen Areal sind ein Einkaufszentrum, ein Altersheim, ein Kindergarten, Luxusmietwohnungen sowie ein kleiner Hafen mit privaten Booten gebaut worden.

Text: Vasilina Schwetje

Quellen:

Lambrecht, Rainer/Klaus-Peter Meißner (2012): Havelauen. Dynamik zwischen Friedrichshöhe und Großem Zernsee. Herausgegeben von der Havelauen Projekt Gesellschaft mbH und der TRAX. Gesellschaft für Grundstücksentwicklung und Erschließung mbH. Potsdam: Knotenpunkt Verlag.

Balthasar D. Otto (2001): Ihr Brautkleid war aus Fallschirmseide. Die Stadt Werder und ihr Fliegerhorst, 1934-1945. Werder.